Von der Kirchturmspitze gerettet

 

Ein unvergessliches Erlebnis verbindet Ernst Hagmann aus Weilheim mit der Renovierung der Kirchturmspitze im Juli 1950. Auf die Berichte in den letzten Mitteilungsblättern hin hat er sich am 15. April 2008 im Pfarramt gemeldet und folgende Geschichte erzählt:
Knapp sechzehn Jahre alt war der 1932 geborene Ernst Hagmann (26.10.1932) damals und Lehrling der Flaschnerei Handel in Weilheim. Zusammen mit dem Gesellen Krause bekam er den Auftrag, die goldene Kugel und das Turmkreuz der Stephanuskirche in Holzmaden abzumontieren. Die Kugel, in der das Turmkreuz steckte, hatte im Krieg einen kleinen Einschuss bekommen und sollte gerichtet werden. Der Kirchturm war schon einige Wochen zuvor eingerüstet worden, damit die Gipser und Dachdecker ihre Arbeit verrichten konnten. Jetzt waren noch Flaschnerarbeiten zu erledigen. Die beiden Handwerker bestiegen das Gerüst. Hagmann erreichte als erster die oberste Gerüstplattform direkt unter der Turmkugel. Der Geselle kam hinter ihm her. In diesem Augenblick lösten sich die Seile, mit denen die Leiter zur obersten Plattform befestigt war. Die Leiter und ein Teil des Gerüstes rutschten ab, die Plattform kam in Schieflage. „Ich war bereits in der Nähe der Kugel“, so berichtete Hagmann, „und konnte mich gerade noch an ihr festhalten.“ So rettete er sich vor dem Sturz in die Tiefe. Nun hing er oben, und die Leiter war weg. Der Geselle konnte nicht mehr hinauf, um zu helfen. Hagmann musste etwa eine Stunde lang in seiner prekären Lage ausharren über sich das Turmkreuz, unter sich die lose Gerüstplattform. Verständlich, dass er große Angst hatte, doch noch von der Kirchturmspitze abzurutschen. Erst als der Gipser aus Aichelberg zu Hilfe gekommen war, konnte das Gerüst wieder stabilisiert und der Lehrling von der Kirchturmspitze gerettet werden.
Nach dem überstandenen Schrecken konnten Hagmann und der Geselle Krause dann doch noch das schwere Turmkreuz mitsamt der Kugel abmontieren und über das Gerüst hinunter tragen. In der Kugel befand sich die Dokumentenkapsel. Die Urkunden wurden eingesehen und bei dieser Gelegenheit auch abgeschrieben. Von anderen Kirchen wissen wir, dass Urkunden, die Jahrhunderte lang in Turmkugeln steckten, oft sehr brüchig, vergilbt oder modrig geworden sind und schließlich nicht mehr aufbewahrt werden konnten. Vielleicht war das auch in Holzmaden der Grund, dass man die drei alten Bauurkunden sicherheitshalber abgeschrieben hat. Die Turmkugel wurde anschließend in einer speziellen Werkstatt neu vergoldet und kam dann wieder in die Flaschnerei nach Weilheim zur Endmontage zurück. Der frühere Lehrling Hagmann erinnert sich noch, dass er damals fragte, was denn nun in die Kugel hineingekommen sei. Er bekam die Auskunft, dass man ein neues Dokument geschrieben und in die Dokumentenkapsel gelegt hätte. Es sei ein Bericht über die wichtigen Ereignisse der letzten Jahre in Holzmaden beigefügt worden. Z.B. über den Beschuss und den Brand des Ortes in den letzten Kriegstagen. Außerdem hätte man vermerkt, dass gerade der alte Hauff verstorben sei (10. Juli 1950).


---
Nach Aussage von Frau Ruth Fischer war die Sanierung des Kirchturms deshalb notwendig geworden, weil zuvor die Kirchenmauer (südlich und westlich?) zurückversetzt worden war. Dadurch hatte der Turm gelitten.

Zur Geschichte des Holzmadener „Steffele“

und der anderen Kreuze in der Stephanuskirche

Die genaue Entstehungszeit des alten, „Steffele“ genannten, Holzmadener Kruzifixes ist nicht bekannt. Aufgrund der Formung des Lendenschurzes lässt sich romanischer Ursprung mit großer Sicherheit ausschließen. Denkbar wären vielleicht spätgotische Ursprünge, wie Helmut Fischer im Heimatbuch von Holzmaden noch geschrieben hat. Vermutlich ist der Steffele (manche sagen auch das Steffele) aber im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche 1665-1669 entstanden.
Holzmaden war im Dreißigjährigen Krieg bis auf ein, zwei Häuser in der Hauptstraße niedergebrannt worden (1639). Auch die mittelalterliche Stephanuskirche sank in Schutt und Asche, die Innenausstattung ging verloren. Einzig ein goldener Abendmahlskelch, der noch aus der „katholischen Zeit“ stammte, konnte gerettet und ins Exil nach Ohmden mitgenommen werden. Ist damals vielleicht auch noch „der Heiland“, also das Altarkreuz aus der brennenden Kirche gerettet worden? Das ist eher unwahrscheinlich.
Beim Aufbau der Kirche nach dem Dreißigjährigen Krieg konnten nur Reste des Kirchturms und der Chorfenster aus dem 15. Jh. wieder verwendet werden. Dass man damals den kleinen mittelalterlichen Grundriss der Kirche beibehalten hat, ist verständlich. Es war ja nur etwa ein Dutzend Familien nach Holzmaden zurückge-kehrt. Sie mussten den Neuanfang des Dorfes bewerkstelligen: Neubau des Pfarr-hauses 1684 und der Schule (= heutiges Rathaus) 1687. Am 23. Mai 1669, dem Tag der Kircheneinweihung, hatte Holzmaden gerade mal 52 Einwohner.

Für die Stephanuskirche war ein neuer Taufstein angefertigt worden, dessen Entstehungsjahr 1668 im Fuß eingemeißelt ist. Im selben Jahr stiftete (vermutlich) der Holzmadener Pfarrer Johann Georg Kirner, der von Ohmden aus die Pfarrstelle versah, den vergoldeten Abendmahlskelch. Seine Schwester gab zu diesem Kelch die kleine Patene bei (mit Inschrift und Datum 1668). Aus derselben Zeit stammt wahrscheinlich auch das schmiedeeiserne Turmkreuz. So jedenfalls die Einschätzung des Kunstschmiedes Edmund Graeber, der das Turmkreuz mitsamt dem Wetterhahn für die Neuaufrichtung im Jahre 2005 bearbeitet hat. Das vierte Ausstattungsstück, das es noch aus der Zeit der alten Kirche des 17. Jahrhunderts gibt, ist der Steffele. Es ist ein einfaches aber durchaus ausdruckstarkes Kruzifix, das farbig gefasst war. Der Kunstsachverständige des Oberkirchenrats Reinhard Auer vermutete, dass es sich um eine „bäuerliche Arbeit“ handele. Jochen Ansel vom Landesamt von Denkmalpflege denkt eher an einen künstlerisch begabten Zimmermann, der den Steffele geschaffen haben könnte.
Mehr als Vermutungen können wir über die Entstehung des Steffele allerdings nicht aussprechen. Eine genaue Datierung auf dendrochronologischer Basis ist nicht möglich, weil der Bauchumfang des Steffele nicht die erforderliche Anzahl von mindestens dreißig Jahresringen hergeben würde. Die Datierung mittels der C14-Methode ist kostspielig und vor allem zu ungenau. Auch die Untersuchung von Farbpigmenten am Steffele würde keine einfache Lösung der Datierungsfrage bringen.

Sollte der Steffele tatsächlich ein Kunstwerk aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg sein, so hätte er rund 140 Jahre als Kruzifix im Mittelpunkt der alten Stepha-nuskirche gestanden. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts entschied sich die Kir-chengemeinde, das alte Kreuz durch ein neues zu ersetzen. Nach verschiedenen anderen Renovierungsarbeiten, sollte bis zum Reformationsjubiläum 1817 auch das Kircheninnere neu gestaltet werden. Dazu kaufte man u.a. einen schönen barocken Holzkruzifixus auf, der im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts (in Bayern oder Österreich?) gefertigt worden war und der heute noch über dem Altar in der Stephanuskirche angebracht ist. In dieser Zeit wurde auch das Monumentalbild in Auftrag gegeben (heute im Altarraum links), das den Gekreuzigten mit Paulus und Luther zeigt und ein Werk des Weilheimer Skribenten Holder ist. Das Gemälde und das barocke Kreuz stehen in einer klar erkennbaren Beziehung zueinander. Infolge dieser Neugestaltung des Kircheninnenraumes musste der alte Steffele weichen. In der von Pfarrer Max Müller um 1935 verfassten Ortschronik heißt es: „Bei dieser Restauration der Kirche kam wohl auch in Abgang der roh geschnitzte Christus am Kreuz, den man später nicht mit dem Namen ‚Heiland’ bezeichnen wollte, sondern ihn nach seiner Entfernung aus der Kirche nur den ‚Steffele’ d.h. ehemaliger Bewohner des Stephanhauses nannte. Er ist jetzt im Kirchheimer Heimatmuseum zu sehen.“

Zunächst war der Steffele aber nach Auskunft eines Inventarverzeichnisses aus der Kirche heraus nach nebenan ins Studierzimmer des Pfarrers gebracht worden (1817). Wie lange ist er dort geblieben? Hermann Fischer (Jahrgang 1918) erzählte, er habe der Steffele anlässlich der Konfirmationsfeier 1931 in der Sakristei stehen sehen und abstauben müssen. Alte Holzmadener erinnerten sich in den 1970er Jahren daran, der Steffele irgendwo auf der Kirchenbühne liegend gesehen zu haben. Wenn dem so wäre, dann hätte der Steffele zwischen 1898 und 1914 dort – man glaubt es kaum – Seit an Seit mit seinem alten „Konkurrenten“ gelegen. Der barocke Kruzifixus war nämlich in diesen Jahren durch ein kleineres Altarkreuz aus Metall ersetzt worden, das Gemeindeglieder anlässlich des Orgelneubaus 1898 (Goll Orgel) gestiftet hatten. Der Holzcorpus war zwischenzeitlich mehrmals übermalt und zurückrestauriert worden. Von solchen Restaurationen, die im 19. Jahrhundert noch sehr „gründlich“ zu sein pflegten, ist der Steffele in seinem „Dornröschenschlaf“ verschont geblieben.
Irgendwann kam der Steffele als Leihgabe an das 1924 gegründete Heimatmuseum ins Kirchheimer Schloss und wurde dort wohl auch ausgestellt. Wir wissen, dass der Steffele fester Bestandteil der Dauerausstellung im Kornhaus geworden ist, wohin das Heimatmuseum 1954 verlegt worden war. Damals war Otto Lau für das Museum zuständig. Auch Frau Ruth Fischer aus Holzmaden, die von 1970 bis 1980 Kustodin des Heimatmuseums war, sorgte dafür, dass der Steffele in der „religiösen Abteilung“ seinen Stammplatz behielt. Frau Fischer berichtete: „Das alte Holzmadener Kreuz war ein kleines Schmuckstück in der Sammlung, denn es gab nur noch ein anderes „überzähliges“ Kreuz im Museum, dessen Herkunft aber nicht bekannt war.“ 
Bei der Neugestaltung der Ausstellung im Kornhauses (1981) wurde die „religiöse Abteilung“ dann leider aufgelöst. Der Steffele verschwand zum großen Bedauern von Ruth Fischer erneut in der Versenkung, diesmal in der Magazinbaracke des Stadtarchivs beim Bauhof in der Boschstraße.

In Holzmaden war in der Zwischenzeit auf Betreiben von Dr. h.c. Bernhard Hauff der barocke Kruzifixus wieder in den Kirchenraum zurückgekommen (1914). An einem großen Holzkreuz befestigt stand er an der Nordwand zwischen der Kanzel und der Orgelempore. Auf einem alten mit Pastellkreide gemalten Bild, das heute in der Sakristei hängt, sieht man den Kircheninnenraum, wie er bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gestaltet war. Links und rechts des Holzkreuzes hingen die beiden Gedenktafeln mit den Namen der im 1. Weltkrieg Gefallenen, die später in der Pfarrscheuer abgestellt wurden und 2002 in die neu erbaute Aussegnungshalle gekommen sind. Direkt am Altar blieb der Kruzifixus aus Metall stehen. Das änderte sich erst, als 1952/1953, in der Amtszeit von Pfarrer Weitbrecht, der Kircheninnenraum einer gründlichen Renovierung unterzogen wurde (neuer Steinfußboden, Umbau des Orgelspieltisches, neuer Innenanstrich). Jetzt stellte man das große Kreuz mit dem barocken Kruzifixus wieder in die Mittelachse der Kirche hinter den Altar. So blieb es dann bis die alte Stephanuskirche aus dem 17. Jh.  im Mai 1969 abgerissen und durch einen großen Neubau ersetzt worden (Kircheneinweihung 1971, Gemeindezentrum und Turm 1972).
Bei der Kirchensanierung, die in den Jahren 2005 und 2006 durchgeführt wurde, erhob sich die Frage, ob jetzt nicht auch der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, endlich den Steffele aus Kirchheim wieder nach Holzmaden zurückzuholen. Nachdem Rainer Laskowski von Seiten des Stadtmuseums grünes Licht für eine „Heimholung“ des Steffele gegeben hatte, entschied sich der Kirchengemeinderat, den verstaubten Corpus restaurieren zu lassen.
Alle Fachleute empfahlen eine „vorsichtige“, konservierende Behandlung, mit der der Nürtinger Restaurator Christoph Bueble beauftragt wurde. Die losen Arme des Gekreuzigten wurden wieder am Körper befestigt. Nach der Reinigung der Holzfigur wurden auch die originalen Farbreste wieder besser erkennbar, die sich besonders im Gesicht und am Lendenschurz erhalten haben. Sie wurden nicht ergänzt, sondern in ihrem Erhaltungszustand konserviert. Auch die Lücke im Kranz der Dornenkrone und die angeschlagene Nase ist geblieben. Schließlich wurde ein neues Kreuz aus Eichenholz als Träger für den Steffele angefertigt. So wurde er in der Woche zum 2. Advent an der Südwand des Gemeindesaals montiert und seine Rückkehr am 9. Dezember 2007 nach dem Gottesdienst in einem kleinen Festakt gefeiert.
Der Steffele ist jetzt wieder ein „Heiland“ geworden. Er wird uns daran erinnern, was der Mittelpunkt unseres Glaubens seit Jahrhunderten war und immer bleiben muss: Jesus Christus, der Gekreuzigte, der für die Sünden der Welt den Tod auf sich ge-nommen und uns die Erlösung zum ewigen Leben gebracht hat.
Das hundert Jahre alte Metallkreuz wurde in den letzten Jahren immer wieder bei Gottesdiensten im Grünen oder in der Gemeindehalle verwendet. Auf Anregung von Mesnerin Anette Jauß hat die Kirchengemeinde im Jahr 2007 (?) für solche Zwecke ein neues tragbares Holzkreuz angeschafft. Es wurde in einer Behindertenwerkstätte in Österreich angefertigt und zeigt in seinem Unterteil das Grab Jesus mit dem zur Seite gerollten Stein.

Übersicht der fünf Kreuze in der Stephanuskirche
• Turmkreuz (vermutlich 2. Hälfte 17. Jh.)
• Steffele (vermutlich 2. Hälfte 17. Jh.)
• Barocker Kruzifixus (2. Hälfte 18. Jh.)
• Kreuz mit Metallcorpus (Ende 19. Jh.)
• Modernes Holzkreuz mit dem leeren Grab (2007)

Pfarrer Andreas Taut, Dezember 2007, ergänzt im Mai 2009

Nach dem letzten Gottesdienst in der alten Kirche 1969

Kirchturm in Holzmaden vor 1969