Liebe Gemeinde in Holzmaden

Mit Orgeltönen zu Ihnen sprechen darf ich derzeit nicht; das weiß auch Ihr Pfarrer Taut. Trotzdem meinte er am Telefon, ich sei doch nicht aufs Maul gefallen – ob ich nicht einmal mit Worten versuchen sollte, Orgel zu spielen.…

Sofort läuteten alle Alarmglocken, nein, sie schrillten nach der Melodie: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ 

 

Nach ein paar Tagen komme ich mir vor wie in der Kirche: Es hat „ausgeläutet“ und der Organist muss in die Tasten greifen, ob er Lust hat oder nicht, müde oder ausgeschlafen, ob er’s kann oder nicht. Die Zeit stimmt ja – es ist zwischen 10 und 11 Uhr.

Auch Tasten sind da, zwar nur am Computer – halt, wenn ich ehrlich bin, in der Hand halte ich nur einen stumpfen Bleistift; schreib doch endlich, mahnt er ungeduldig.

 

Da steigt in mir die Erinnerung an das Psalmgebet auf. Wie erlebte ich es als Organist; welche Fallen fürchte ich? Zum Schluss des Psalms muss ich ja sofort einsetzen mit „Ehr sei dem Vater“. Klar, kann ich das auswendig und könnte es auch im Schlaf spielen. Doch nicht alle Psalmen sind gleich lang. Woher soll ich wissen, wann ich einsetzen soll, wenn mal die Gemeinde, mal der Pfarrer den letzten Vers spricht. Da heißt es genau mitlesen. Was aber wird, wenn ich vor lauter Konzentration auf Vorspiel und erstes Lied den Psalm noch gar nicht aufgeschlagen habe, oder das Gesangbuch sich wieder zugeklappt hat, seine Lieblingsbeschäftigung übrigens. Blitzschnell muss ich dann handeln; weiß ich denn die Nummer noch? In Holzmaden erhalte ich jedes Mal einen Zettel mit dem Gottesdienstablauf. Da könnte ich die Nummer finden. 

Im schlimmsten Fall kann ich nur noch hoffen, dass kein so kurzer Psalm dran ist, wie der hundertfünfzigste. Sie merken schon: Von mitbeten kann nicht immer die Rede sein.

 

Doch manchmal bleibt das Gesangbuch auch aufgeschlagen und ein langes Gebet ist dran, zum Beispiel die Nummer 91. Dessen Beginn „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt…, ist mir wohlbekannt. Ich ging ja in Wilhelmsdorf zur Schule. Dort trugen die wichtigen Gebäude Namen aus den ersten beiden Versen dieses Psalms. Über der Schulhaustür prangte der Name „Burg“. Was es damit auf sich hat, wurde uns in Reli erklärt.

 

Ich schlage meine Bibel auf und lese Psalm 91.

Kaum sind die berührenden Anfangsverse vorbei, springen die Worte, musikalisch gesagt, in einer ganz scheußlichen Tonart, das „Grauen der Nacht“. Doch das erschreckt mich noch nicht. Ja, früher halt! sinne ich vor mich hin. Dann drohen „Pfeile, die des Tages fliegen“. Das lächert mich sogar, vor allem, wenn es mit liturgischer Würde gesprochen wird. Jetzt aber wird’s bitterernst: „Die im Finstern schleichende Pestilenz, und brandaktuell: … vor der Seuche, die im Mittag verderbt. Solche Worte schwirrten mir durch den Kopf, als Pfarrer Taut bei mir anrief. Und seither werde ich sie nicht mehr los. Fragen über Fragen über Corona und Kirche stürzen auf mich ein.

 

Ich lese aber weiter und staune: Erschrecken? Nein, ich muss nicht erschrecken! Nicht erschrecken müssen: Daran halte ich mich. Mit dem Bleistift in der Hand und auf den Computertasten rufe ich es ihnen in Holzmaden zu. Und hoffentlich bald wieder mit den wunderbaren Klängen ihrer Orgel.

 

Ihr Ernst Leuze

Der Zugang ist offen

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Wie bin ich froh, dass wir im Konfirmandenunterricht Lieder auswendig lernen mussten, auch wenn wir darüber geseufzt haben. Unser Pfarrer sagte dann immer: „Wenn ihr mal alt seid, werdet ihr froh sein, dass ihr so manchen Vers kennt und nachts, wenn ihr wach liegt, darüber nachdenken könnt.“ Ach, das Alter lag doch noch in weiter Ferne! Aber wie schnell ist es für viele schon gekommen! Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, fällt uns wieder ein Liedvers ein.

 

So ging es mir. In unseren außergewöhnlichen Zeiten, wo alle wegen des Coronavirus beunruhigt sind, kam mir dieser Vers in den Sinn (EG 449,8):

Alles vergehet. Gott aber stehet

ohn alles Wanken; seine Gedanken,

sein Wort und Wille hat ewigen Grund.

Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden,

heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen,

halten uns zeitlich und ewig gesund.

Paul Gerhardt hat den Vers im Dreißigjährigen Krieg gedichtet, wo um ihn herum die ganze Welt zusammengebrochen ist. Auch heute ist die ganze Welt in Aufregung gekommen. Und da mitten hinein in unsere Angst heißt es: „Sein Heil und Gaden, die nehmen nicht Schaden.“

 

Gibt es tatsächlich etwas, was durch den Virus keinen Schaden nehmen kann? Ja, Gottes Gnade. Unsere Welt ist in den letzten Jahrzehnten so großartig geworden durch den unglaublichen technischen und medizinischen Fortschritt, dass der Gedanke an die Begrenztheit unserer Lebenszeit ganz weit in den Hintergrund geraten ist. Dabei ist und bleibt das Ende für jeden Menschen die sicherste Tatsache der Welt. Die Bibel aber macht uns mit der aufregenden Botschaft bekannt, dass dann das eigentliche Leben überhaupt erst beginnt. Dazu ist Christus geboren und in die Welt gekommen, dass er uns die Tür zum ewigen Leben aufschließt. Der Zugang ist offen. Jesus hat durch seinen Gehorsam für uns die Gnade Gottes erwirkt. Das ist die Gnade, die nicht nach unseren Maßstäben begnadigt. Sie hängt nicht von unserer Lebensleistung ab. Sie wird aus der Liebe des Vaters zu seinen Kindern allen gewährt, die darum bitten.

So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh 3,16).

 

Mit herzlichen Grüßen Ihr Pfarrer Wolfgang Taut, Schwäbisch Hall.

Gruß eines Freundes unserer Gemeinde

Ein Freund unserer Gemeinde, der oft in Afrika unterwegs ist, hat uns in dieser besonderen Zeit einen Brief geschrieben. Wir können uns nicht mehr so oft treffen und uns persönlich begrüßen. Dabei spielt das Grüßen eine wichtige Rolle in unserem Zusammenleben. Das war auch schon beim Apostel Paulus so. Alle seine Briefe enden mit einer langen Grußliste. Zum Beispiel auch der Römerbrief:

Grüßt Priska und ihren Mann Aquila. … Grüßt meinen lieben Epänetus. … Grüßt Maria. … Grüßt Andronikus und Junia. … Grüßt meinen lieben Ampliatus. … Grüßt Urbanus und meinen lieben Stachys. – (Römer 16)

"In einem Gästehaus in Afrika, in dem ich oft abstieg, machte ich es mir zur Gewohnheit, jeden einzelnen Arbeiter zu grüßen. Das braucht Zeit! Morgens ist meistens der erste ein Putzmann, der meine Tür schließt, damit beim Fegen kein Sand hereinkommt. Wenn ich mein Zimmer verlasse, treffe ich den Binnenflüchtling, der Küche, Bad und WC sauber hält. Im Erdgeschoss arbeiten weitere Männer. Ich plane genügend Zeit zum Grüßen ein, so komme ich immer noch pünktlich.
Unterwegs treffe ich manchmal Freunde aus einer kleinen Sprachgruppe, die mich erkennen und ebenfalls grüßen und gegrüßt werden wollen. Es wird bekannt, dass da ein Ausländer ist, der gerne ihre Sprache spricht.
An der Universität ist es wichtig, zuerst die anderen Dozenten zu grüßen. Oft sitzen mir unbekannte Freunde bei ihnen, und nach deren Befinden erkundigt man sich ebenfalls. Aus dem Grüßen kann ein gemeinsames Teetrinken oder Essen werden.
Das viele Grüßen sieht für einen Europäer ineffizient aus. Ein anderer Bewohner des Gästehauses sagte morgens dem Putzmann nach dessen Grüßen: „Ich habe keine Zeit, ich muss mich beeilen.“
Wegen des Corona-Virus wird uns empfohlen, soziale Kontakte auf ein Minimum zu beschränken. Damit steht Deutschland in der Gefahr, sozial noch kälter zu werden. Vielleicht können wir in dieser Zeit die Menschen, die wir grüßen, bewusst ansprechen. Beim Einkaufen treffen wir Menschen, die wir nicht kennen. Warum nicht gerade diese auch einmal grüßen? Wenn ich in diesen Tagen im Zug unterwegs bin, spüre ich, wie sich der Schaffner über ein freundliches Wort freut. Lasst uns bewusst überlegen, wen wir grüßen können. Und wenn wir zu schüchtern sind, so können wir Jesus Christus bitten, uns die Kraft dafür zu geben.
Meine Gedanken kehren zurück nach Afrika. So geht der ganze Tag mit ausgiebigem Grüßen weiter, bis zur Rückkehr am Abend, wenn ich die beiden Nachtwächter am Gästehaus grüße. Sie sind Flüchtlinge aus einem anderen Land. Ich sehe ihr strahlend freudiges Gesicht vor mir. Sie haben sicherlich nicht genügend Geld für Einkäufe und Vergnügungen, aber genügend Zeit zum Grüßen und einen Gruß dankbar anzunehmen."