Lesepredigt für Pfingstsonntag 31. Mai 2020

Apostelgeschichte 2,1-13

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

"Bilder prägen unser Leben tiefer als Worte", so schrieb einmal Theo Sorg, der früher Bischof in unserer Kirche war. Das liegt daran, dass für uns Menschen der Sehsinn die zentrale Rolle bei der Wahrnehmung der Umwelt spielt. Bilder können wir mit einem Blick erfassen oder wiedererkennen, anders als bei geschriebenen oder gesprochenen Worten, wo wir erst eine Zeitlang lesen oder zuhören müssen.

 

Das hier abgedruckten Bild gehört zur Pfingsterzählung aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte. Es heißt dort: Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie, nämlich die Apostel, alle an einem Ort beieinander. Weil ganz betont von diesem einen Ort die Rede ist, sind die Künstler bei Pfingstbildern bemüht, die Apostel möglichst zusammen in einem Haus, oder gar um einen Tisch versammelt darzustellen. Die Jünger stehen oder sitzen dann dicht gedrängt zusammen und empfangen den Geist Gottes.

Nehmen wir uns zunächst etwas Zeit, um das Bild auf uns wirken zu lassen. -- Es ist ein altes Bild, ein Altargemälde aus dem 14. Jahrhundert, das uns fremdartig erscheint. Das flächige Gold im Hintergrund gibt dem Bild einen feierlichen Charakter. Alle Köpfe haben einen Heiligenschein. Aber die Perspektive stimmt nicht so ganz, denn der runde Tisch müsste mehr wie eine Ellipse abgebildet sein.

Ansonsten ist es leicht als Pfingstbild zu deuten. Im Kreis sitzen die Apostel, die ersten Zeugen für den auferstandenen Christus. Das sind die Gründungsväter der Kirche und die Träger der Mission. Sie sitzen am Pfingsttag im Haus der Maria. Maria ist ganz oben abgebildet. Sie sitzt zwischen dem weißbärtigen Petrus und Johannes, der normalerweise ohne Bart abgebildet wird. In der Lücke zwischen Maria und Johannes hat der Künstler die Taube gemalt, das Symbol für den Geist Gottes. Maria und die elf Apostel (Judas ist nicht mehr dabei) empfangen den Heiligen Geist, den Jesus seinen Jüngern verheißen hat. Der soll sie führen und leiten, wenn er nach dem Himmelfahrtstag nicht mehr leibhaftig mit ihnen unterwegs ist. Soweit stimmt alles mit der Ikonographie anderer Pfingstbilder überein.

Nun aber kommt das Besondere: Der Maler versinnbildlicht den Heiligen Geist nicht durch herabfallende Feuerzungen oder tropfenförmige Flammen. Er malt eine Taube, die das Abendmahlsbrot, eine Hostie, im Schnabel hält. Die Hostie liegt dann genau in der Mitte des Tisches und zerteilt sich auf alle, die um den Tisch herumsitzen. Der Künstler hat das mit den roten Verbindungslinien angedeutet. Es ist wie bei der Austeilung des Abendmahls: In den Mund der Apostel wird jeweils ein Stück vom Brot gelegt. „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, heißt es in den Einsetzungsworten Jesus. Das bedeutet, dass durch das Abendmahl eine besondere Gemeinschaft gestiftet wird. Es entsteht die Gemeinde, für die Jesus der Heiland ist. Denn sie bekommt durch das Abendmahl Anteil am Opfertod Jesu und wird durch die Vergebung der Schuld gerettet.

 

Das Bild wurde etwa 140 Jahre vor Beginn der Reformation gemalt. Spannend ist, dass es mit der Verbindung von Geist und Abendmahl eine Aussage macht, die auch den Reformatoren sehr wichtig war. Sie schrieben im Augsburger Bekenntnis nieder: „Gott hat das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er ... den Heiligen Geist gibt" (CA 5, nachzulesen im Gesangbuch S. 1496). Es ist, also ob das mittelalterliche Altarbild Pate gestanden hätte für diese grundlegende Lehre über das Wirken des Heiligen Geistes. Der Geist bindet sich nach Auffassung der Reformatoren an das Wort der Bibel, das du liest oder das durch die Predigt ausgelegt wird. Und er bindet sich auch an die Austeilung des Heiligen Abendmahls. Das Sakrament ist die andere Art von Verkündigung, denn vom Abendmahl heißt es im 1. Korintherbrief (11,26): Sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn. Die Reformatoren haben beides, das Evangelium und das Abendmahl als eine Form der Verkündigung betrachtet. Beides benützt der Heilige Geist, um Glauben in uns wachsen zu lassen. Wer anderes lehrt, so die Warnung im Augsburger Bekenntnis, der lehrt falsch: Wenn einer behauptet, wir bekämen den Heiligen Geist durch spirituelle Praktiken, durch besondere Gebete oder Meditationen… Nein: Lies die Bibel, hör die Predigt und feiere mit den Brüdern und Schwestern das Abendmahl. Dann wird der Heilige Geist seine Wirkung in der Gemeinde entfalten.

 

Schauen wir noch einmal auf das Gemälde. Die Hostie, die der Geist bereitstellt, wird nicht nach dem Gießkannenprinzip ausgeteilt, hier etwas mehr, dort etwas weniger. Nein, auf jeden der Apostel führt genau eine Linie zu. Jeder von ihnen ist gleichermaßen geistbegabt. Alle haben Charisma, so heißt es in der Pfingstgeschichte: Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist. Auch daran ist festzuhalten, dass Gott allen, die auf seinen Namen getauft sind und die an Jesus glauben, seinen Geist schenkt, nicht nur den besonderen Heiligen. Paulus sagt: Niemand kann sagen: „Jesus ist der Herr“, außer durch den Heiligen Geist (1. Kor 12,3). Ohne den Geist Gottes könnte keiner von uns ein Christus-Bekenntnis aussprechen.

Durch die charismatische Bewegung, die schon vor etlichen Jahren viele Gemeinden in unserem Land neu in Schwung gebracht hat, ist auch die Frage nach den Heiligen Geist neu aufgekommen: Wie und wo ist der Heilige Geist erfahrbar? Wirkt er auch in Holzmaden, wirkt er auch in mir? Mit einem letzten Blick auf unser Bild möchte ich darauf eine Antwort versuchen: Ich glaube, dass Geisterfahrung sehr oft verbunden ist mit der Erfahrung von Gemeinschaft. In unserem Bild sitzen die Apostel ganz dicht gedrängt. Sie haben kaum Platz ihre Arme irgendwie unterzubringen. In die einzige Lücke fährt nun die Heilig-Geist-Taube. Der Geist schafft Gemeinschaft dort, wo sich Christen zusammenfinden, miteinander Gott loben und die Bibel lesen. Der Geist Gottes schafft Gemeinschaft. Nicht weil es so gemütlich ist, wenn zwei, drei oder mehr Christen zusammensitzen und beten, sondern weil Jesus diese besondere Ansage gemacht hat: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wenn er die gemeinsame Mitte ist, dann haben wir bei aller Vielfalt in unserer Gemeinde einen festen Zusammenhalt.

Leider sind gerade nicht die Zeiten, in denen wir uns als Gemeinde zwanglos treffen können. Einige haben sich schon gemeldet und gesagt, dass ihnen die Gemeinschaft und die Gottesdienste, die Begegnungen und Gespräche mit den Schwestern und Brüdern fehlen. Wenn die Not am größten ist, dann ist die Kirche Jesu Christi am allerwenigsten entbehrlich. Das gilt für die Not jedes Einzelnen in der Stunde seines Todes. Es ist schlimm, wenn Kranke isoliert auf den Stationen liegen und womöglich ohne Beistand sterben müssen. Die Kirche Jesu Christi ist auch dann nicht entbehrlich, wenn ein ganzes Gemeinwesen in Not geraten ist, wie wir es jetzt gerade erleben. Gottesdienste, die Predigt des Evangeliums, Abendmahlsfeiern – alles war verboten, und die nach wie vor bestehenden Einschränkungen zeigen noch Wirkung. Lediglich im Schein von Bildschirmen gibt es Angebote – mehr denn je. Es ist schwierig über Sinn und Unsinn der Maßnahmen richtig zu entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass Covid-19 nicht nur den Körper, die Lunge, infiziert, sondern immer mehr auch unser Denken und Handeln bestimmt. Dagegen würde ich im Pfingstgottesdienst am liebsten diese Liedstrophe so laut wie möglich singen:

O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.

 

Ein gesegnetes Pfingstfest wünscht Euch, Euer Andreas Taut

 

 

 

Lesepredigt für 24. Mai 2020

Liebe von Herzen

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Jeremia 31,31-34 – Neuer Bund und neues Herz

Liebe Schwestern und Brüder!

Als die Jünger spitzkriegen: Jesus wird bald nicht mehr unter uns sein – da ist ihnen das Herz in die Hose gerutscht. Sie bekommen Angst: „Jesus, was sollen wir tun, wenn Du nicht mehr bei uns bist?“ Denn Jesus hatte immer gewusst, wohin die Reise gehen soll. Am See Genezareth entlang und durch Galiläa. Oder hinunter nach Judäa und Jerusalem. Mit Jesus zogen die Jünger von Ort zu Ort. Sie erlebten Wunder über Wunder, und hörten seine genialen Predigten. So folgten sie Jesus nach. Aber jetzt: „Wohin sollen wir gehen, wenn du nicht mehr da bist? Wer zeigt uns den Weg?“ Jesus beruhigt seine Jünger und sagt: „Wenn ich zum Vater gehen werde, dann sollt ihr nicht allein sein. Ich will euch meinen Heiligen Geist senden, den Tröster.“ Für uns im 21. Jahrhundert hätte Jesus vielleicht dieses Bild verwendet: „Der Heilige Geist wird euer Navi sein. Der leitet euch in der Zwischenzeit, bis ich wiederkomme.“

Zwischenzeit, wohlgemerkt – nicht Halbzeit. Wie lange zwei Halbzeiten beim Fußballspiel dauern, wissen wir ganz genau: Zweimal 45 Minuten. Aber wie lange Zwischenzeiten im Heilsplan Gottes dauern, das weiß nur Gott selbst.

Schon im Alten Testament empfanden die Menschen, die zum Volk Gottes gehörten: „Wir leben in einer Zwischenzeit. Wir kennen den lebendigen Gott. Er hat uns durch gute und schwere Zeiten geführt. Aber wir sind noch nicht durch. Wo soll es noch hingehen mit uns?“ Darum schicke Gott den Propheten Jeremia. Er hatte den Auftrag, die Schwestern und Brüder in der Zwischenzeit zu ermutigen:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen… Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Da will Gott mit uns hin, das ist sein Ziel. Das ist der Bund, den er mit den Seinen schließen möchte. Fast wie ein Ehebund: „Ich bin dein, und du bist mein...“ Und Israel willigte ein in diesen Bundesschluss mit Gott. Nach dem Auszug aus Ägypten gab das Volk sein Jawort am Sinai. Es gelobte seinem Herrn ewige Treue. Zwei sagen ja zueinander – das ergibt einen Bund!

Der alte Bund – zerbrochen

Ein Bund muss sich aber auch bewähren. Wir sehen das an dem politischen Bündnis, in dem die europäischen Staaten seit Jahrzehnten zusammenarbeiten: die Europäische Union. Schon lange gibt es Streit ums Geld zwischen Nord und Süd, Streit um die Rechtsstaatlichkeit zwischen Ost und West und jetzt noch die Brexit-Verhandlungen nach dem Ausscheiden der Briten. Also jede Menge Stoff für Krisen und Verwerfungen.

Auch ein Ehebund muss sich bewähren. Hochzeit machen, Flitterwochen – das ist der Startschuss, der glamouröse Anfang. Danach kommt das Leben, wie es ist. Als Ehepaar muss man sich arrangieren: Warum räumt SIE ihre Haarbürste nicht auf? Warum kommt ER immer so spät nach Hause?

Auch in der Beziehung zwischen dem Gott Israels und seinem Volk gab es von Anfang an ernsthafte Probleme: Kaum war der Bund am Sinai geschlossen, da wollte das Volk einen „Gott zum Anfassen“ haben. Sie tanz-ten um das goldene Kalb.

Dann schickte Gott Propheten, um sein Volk in den beiden Staaten Israel und Juda zu warnen. Aber es nützte nichts, die Leute wollten nichts mehr wissen von diesem Gott und schon gar nichts von den Propheten. Denn die haben sich kein bisschen an Political Correctness gehalten, sondern Klartext geredet. Bei seiner berühmten Tempelrede hatte Jeremia noch gehofft, dass sich die Bürger von Jerusalem aufrütteln lassen: „Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort“ (Jeremia 7,3). Aber alle Hoffnung auf Besserung wich bald der glasklaren Diagnose: Es ist aus! Das Verhältnis zwischen Gott und Israel ist endgültig zerrüttet. Die Scheidung, die Kündigung des Bundes ist nur noch eine Frage der Zeit. Und an der Schuldfrage gibt es nichts zu deuteln. „Die Sünde Judas ist geschrieben mit eisernem Griffel und mit diamantener Spitze gegraben auf die Tafel ihres Herzens“ (Jeremia 17,1). Gottes Diagnose: Bundesbruch durch „Herzversagen“.

Genau das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Schlimme an dieser Diagnose: Es gibt von unserer Seite her keine Aussicht auf Besserung. Unser Verhältnis mit Gott ist und bleibt nachhaltig gestört, weil wir Menschen einen Herzfehler haben. Unsere Herzlosigkeit führt zur Trennung, unser Herzversagen zum Tod.

Der neue Bund – verheißen und erfüllt

Der allmächtige und barmherzige Gott aber gibt uns nicht auf. Zum Glück hält er an seiner Liebeserklärung fest. Scheidung ist für ihn keine Lösung. Der Bund soll nicht einfach in die Brüche gehen.

Allerdings: Wenn die Geschichte Gottes mit uns Menschen wirklich weitergehen soll, dann muss alles ganz anders werden. Es reicht nicht, einfach nur den alten Bund aufzufrischen. – Wenn ein Chef seinem alkoholkranken Mitarbeiter immer nur sagen würde: „Reiß dich doch endlich zusammen, ich geb dir nochmal ‘ne Chance!“, dann hätte der keine Chance. Vielleicht hält er es ein paar Tage aus, vielleicht ein paar Wochen, aber dann ist alles wieder beim Alten. Ohne Entzug läuft nichts, ohne Therapie gibt es keine Veränderung. Ohne grundlegenden Sinneswandel kann ein Alkoholiker nie gesund werden.

Genauso Gottes Bund mit uns Menschen: Eine zweite Chance im alten System würde unweigerlich dazu führen, dass wir erneut versagen. Denn wir sind ja noch immer die Alten. Deshalb schickt Gott Jeremia und lässt durch ihn einen ganz neuen Bund ankündigen. Er ist neu, weil er im Gegensatz zum alten nicht mehr an „Herzversagen“ scheitern kann. Das soll der Bund sein... spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein (Jeremia 31,33).

Gott fängt innen an, bei unseren Herzen. Dort, wo bisher die Schwachstelle des Systems lag, setzt seine Rettungsmaßnahme an. Durch „Herzversagen“ ging der alte Bund in die Brüche. Jetzt aber pflanzt Gott uns Menschen einen Schrittmacher ein. Er gibt unseren schwächelnden Herzen neue Kraft und bringt uns wieder auf die Beine.

Diese Kraft nennt die Bibel „Geist“. Es ist die Kraft, die von innen kommt. Denn wo der Heilige Geist Menschenherzen verändert, da wird Gottes Wille in unserm Innersten verwurzelt. Kein „Du sollst“ mit erhobenem Zeigefinger und kein verbissenes „Ich sollte eigentlich“ bestimmt mehr unser Leben, sondern ein ungeteiltes „Ja, ich will“. Das schafft Gottes Geist, wenn er Menschenherzen verändert.

Rund 650 Jahre nach Jeremia sitzt Jesus mit seinen Freunden zusammen. Sie essen und trinken und feiern das Passafest. Da nimmt Jesus den Kelch voll Wein, zeigt ihn den Jüngern und spricht: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Weil ich mein Leben hingebe, habt ihr ganz neu Gemeinschaft mit Gott.“ Jetzt geht in Erfüllung, was Jeremia angesagt hat. Der neue Bund zwischen Gott und Mensch ist Wirklichkeit geworden. Und er kann nicht mehr scheitern.

Der neue Bund kann nicht mehr daran scheitern, dass wir unfähig sind, Gottes Willen zu erfüllen. Denn Jesus hat ihn erfüllt. Der neue Bund kann nicht mehr daran scheitern, dass unsere Menschen-schuld ihn bricht. Denn Jesus ist am Kreuz für unsere Schuld zerbrochen. Der neue Bund kann nicht mehr daran scheitern, dass wir Menschen noch immer die alten geblieben sind. Denn der Heilige Geist macht uns zur neu-en Kreatur, also zu Menschen, die schon zur neuen Schöpfung Gottes gehören und nach Gottes Gebot und Verheißung leben.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Euch, Euer Pfarrer Andreas Taut

 

 

 

Lesepredigt für Sonntag, 17. Mai 2020

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Matthäus 6,5-15. Wie wir beten sollen

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Kennen Ihr das auch? Du willst beten, aber du findest einfach keine Worte? Vielleicht weil dir so viele Gedanken durch den Kopf gehen, dass du dich nicht richtig konzentrieren kannst. Oder du fragst dich: „Was soll ich eigentlich beten? Womöglich bete ich etwas Falsches.“ Oder du überlegst: „Bringt es überhaupt etwas, wenn ich bete? Soll ich es nicht lieber lassen?“

Mit solchen Gedanken sind wir nicht allein. Es gibt viele Christen, die sich schwertun mit dem Beten. Und wir sind damit in guter Gesellschaft. Denn den Jüngern Jesu ist es auch schon so ergangen. Darum sind sie mit zu Jesus gekommen mit der Bitte: „Herr, lehre uns Beten.“ Daraufhin hat Jesus seine Jünger angeleitet und ihnen ein Gebet gegeben, das Vaterunser.

 

Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Das Vaterunser kennt jedes Kinderkirchkind auswendig. Die anderen lernen es im Reli-Unterricht. Konfirmanden können das Vaterunser beim Lernstoff in der Regel ganz schnell abhaken.

Was uns so selbstverständlich vorkommt, war aber damals für die Jünger eine Revolution. Mit dem Vaterunser hat Jesus eine umwerfende Neuerung im Glaubensleben der Christen eingeführt. Das Neue liegt in der Anrede. Denn Jesus sagt: So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel.

Zwar wurde schon im Alten Testament Gott mit einem Vater verglichen. Es heißt zum Beispiel in Psalm 103,13: Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten. Aber kein Israelit wagte es, aus diesem Vergleich eine direkte Anrede zumachen. Der Gottesname und die Person Gottes wurden als viel zu heilig erachtet, um den Allmächtigen mit diesem doch sehr persönlichen „Vater“ anzusprechen.

Das tat nur Jesus. Er tat es regelmäßig, weil er einen heißen Draht zu Gott hatte. Genau das spürten ihm die Jünger ab. Deshalb kamen sie mit ihrem Anliegen: „Herr, lehre uns beten. Denn wir finden kaum Worte, um zu beten. Aber dein Beten ist wirklich beten. Könnten wir nicht deinen heißen Draht mitbenutzen!?“

Tatsächlich stellt Jesus den Jünger damals seine besondere Verbindung zu Gott zur Verfügung, indem er ihnen erlaubte: „Sagt einfach Vater!“ Jesus gibt ihnen sozusagen das Passwort, so dass sie online gehen können mit Gott. „Sagt doch einfach ‚Unser Vater‘, denn Euer himmlischer Vater freut sich, wenn ihr eine enge Beziehung mit ihm eingeht.“

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist das Besondere an unserem christlichen Glauben. Das ist etwas, was es in keiner anderen Religion sonst gibt. Der allmächtige Gott, der das gewaltige Universum geschaffen hat, möchte gleichzeitig für jeden von uns wie ein Vater sein. Er möchte, dass wir ihm Vertrauen schenken, wie Kinder ihrem Papa vertrauen.

Wenn wir also das nächste Mal das Vaterunser beten, dann denken wir dran: Das ist nicht das Allerweltsgebet der Kirche. Diese Worte sind ein wunderbares Geschenk, das Jesus uns gemacht hat. Denn er hat damit gezeigt, dass Gott unser himmlischer Vater ist.

 

Leider ist es in den letzten Jahren in Mode gekommen, bei der Gebetsanrede nur noch „Guter Gott“ zu sagen. Ich erinnere mich noch daran, wie wir vor zehn Jahren bei der Beerdigung meines Schwiegervaters saßen. Er war ziemlich unerwartet gestorben. Herzschlag mit 73. Mein Kollege hat die Trauerfeier gut gemacht. Aber beim Gebet begann er mit: „Guter Gott“. Dabei wäre bei diesem traurigen Anlass der Blick zum himmlischen Vater so wichtig gewesen. Ganz abgesehen davon, dass gerade beim plötzlichen Verlust eines Menschen nicht von vornherein einsichtig ist, warum das gut gewesen sein soll. Bei einem Todesfall kommt uns eher die Frage: Gott, warum soll denn das jetzt gut gewesen sein?

Ich glaube, auch für Jesus wäre „Guter Gott“ zu wenig gewesen. Gute Götter, die besser sind als die bösen Götter, die gibt es in vielen anderen Religionen. Aber unser Gott, der der Vater Jesu Christi ist, ist der himmlische Vater für seine geliebten Kinder. Dem geben wir dann wirklich die Ehre, wenn wir ihn vertrauensvoll „Vater“ nennen.

 

Das Vaterunser ist also schon durch die Anrede ein ganz besonderes Gebet. Genauso aber durch seinen Inhalt. Es sind nur ein paar wenige kurze Bitten. Aber die haben es in sich. Denn mit diesen Bitten fasst Jesus zusammen, was in der Jahrhunderte alten Gebetstradition Israels wichtig war. Wer die Gebete im Alten Testament (also vor allem die Psalmen) liest, und wer sich auskennt in der Entwicklung der persönlichen Frömmigkeit damals, der merkt: Im Vaterunser kommen genau die drei Themen vor, die für die Gebete in Israel und auch für unsere Gebete heute grundlegend sind.

1. Wir bitten darum, dass der Name Gottes geheiligt wird. Was heißt das? Der „Name Gottes“ steht für die Offenbarung Gottes. Er hat sich uns Menschen zu erkennen gegeben und uns gesagt, was er von uns möchte. Wenn nun ein Mensch im Glauben zu Gott findet, dann erkennt er: Gott ist heilig, ich aber in unheilig. So begegnet Gott uns Menschen. Wenn wir beten: „geheiligt werde dein Name“, dann bitten wir Gott um nichts weniger als um die Bekehrung der Welt. Und wir bitten gleichzeitig, dass er seine Herrschaft auf Erden aufrichten soll: „Dein Reich komme.“

2. Bei der Brotbitte geht es um die Fürsorge Gottes. Normalerweise ist das in unseren Gebeten immer der längste Abschnitt. Denn wir haben so viele Wünsche und wenden uns gerne mit vielen Bitten für unser Wohlergehen an Gott. Im Vaterunser aber ist das nur eine kurze Zeile mit einer bescheidenen Bitte um das schlicht Lebensnotwenige. Jesus möchte uns mit der Bitte um das tägliche Brot daran erinnern, dass wir eigentlich gar nicht so viel brauchen. Und dass unser Leben allein aus Gottes väterlicher Güte erhalten wird.

3. Und schließlich die Bitte um die Vergebung der Schuld. Ohne Vergebung wäre unser Verhältnis mit Gott in Frage gestellt. Durch unsere menschliche Schwachheit und durch die teuflische Macht der Verführung ist die Gemeinschaft mit Gott ständig gefährdet. Das ist Versuchung im tiefsten und letzten Sinne. Wer das Vaterunser betet, der beugt sich in großer Demut unter Gott. Er bekennt, dass er vor Gott ein unwürdiger Sünder ist. Und er setzt sein ganzes Vertrauen auf die Barmherzigkeit des Vaters, der Sünden vergibt und vor Versuchung bewahrt.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Euch

Euer Pfarrer Andreas Taut

 

 

 

Lesepredigt für 10. Mai 2020

Typisches Kircheninstrument

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2. Chronik 5,11-13

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie hätten alle gerne gesungen: Der Kirchenchor am letzten Sonntag. Die Gemeinde jetzt am Sonntag Kantate, wenn endlich wieder ein Gottesdienst stattfinden kann. Und der Holzmadener Chor nächste Woche. Aber im Mai ist noch Sing-Verbot in der Kirche. Wir sind aber guter Hoffnung, dass dieser Alptraum bald ein Ende hat. Und so fragen wir heute schon:

 

1. Was ist denn der Wunsch jedes Kantors, der Traum jedes Chorleiters? Natürlich wenn alle Sänger bestens vorbereitet und in allen Stimmen vollzählig anwesend sind. Wenn keiner zu spät zur Probe kommt und keine ihre Noten vergessen hat.

Im alten Israel war es so: König Salomo hatte in Jerusalem den Tempel bauen lassen. Der war über und über mit Gold verziert. Als das Bauwerk fertig war, feierte der König mit dem ganzen Volk ein großes Einweihungsfest. Die Bundeslade spielte dabei eine besondere Rolle. Sie galt als Thronsitz Gottes und wurde von den Priestern und levitischen Tempeldienern in das Allerheiligste des Tempels hineingetragen. Dann wurde mit dem ganzen Volk der Gottesdienst gefeiert.

Es heißt in 2. Chronik 5, 11-13: Die Priester traten wieder aus dem Tempel hinaus. Für diesen Tag hatten sich alle anwesenden Priester so vorbereitet, dass sie rein waren, auch die deren Dienstgruppe während dieser Zeit dienstfrei hatte. Auch die Tempelsänger waren vollzählig zugegen: Die Leviten Asaf, Heman und Jedutun mit allen ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißen Leinen und standen mit ihren Becken, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Ihnen zur Seite standen hundertzwanzig Priester mit Trompeten. Diese setzten gleichzeitig mit den Sängern, den Becken und anderen Instrumenten ein. Es klang wie aus einem Munde, als sie alle miteinander den Herrn priesen mit den Worten: „Der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!“ In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des Herrn.

Der Bericht im Chronikbuch erwähnt ausdrücklich, dass alle Priester gut vorbereitet waren. Bei diesem Staatsakt konnte und wollte keiner zuhause bleiben. Zu diesem Festakt mussten die Anzüge picobello sitzen. Auf diesen Moment war das ganze Orchester topp vorbereitet. Kein Aufwand war zu groß für den Festgottesdienst zur Ehre Gottes. Alle waren zu Höchstform aufgelaufen, um den Gott zu preisen, der über allen Göttern steht. Alle wollten sie den Gott feiern, der Himmel und Erde gemacht hat.

Liebe Schwestern und Brüder, prüfen wir mal ganz ehrlich welche Einstellung wir selbst haben. Wann laufen wir zur Höchstform auf für unsern Gott und Herrn? Und wie oft lassen wir den lieben Gott einen guten Mann sein. In Corona-Zeiten haben wir doch genug zu tun, unseren Alltag neu zu organisieren. Ich habe von Leuten gehört, die von der lähmenden Sorge um ihre Gesundheit völlig vereinnahmt werden. Andere haben jetzt Extra-Stress: Im Home-Office, mit unbetreuten Kindern, oder weil es finanziell eng wird. Wieder andere sagen: „Mir ist langweilig, weil ich nichts mehr machen darf.“ Es passiert uns leicht, dass wir wegen all dieser Veränderungen Gott aus den Augen verlieren. Die Kirche und das Missionsheim waren ja auch zugeschlossen. Wie können wir da noch unser Bestes für Gott geben?

Ich fand bemerkenswert, wie sich die Jugend-Mitarbeiter des EC auf die Krise eingestellt haben. Sie machten sich Woche für Woche auf den Weg, um die „Briefkasten-Jungschar“ zu verteilen. Eine gute Idee zur Ehre des Höchsten, und um den Kindern eine Freude zu bereiten.

 

2. Es gibt einen zweiten Wunsch, den jeder Kantor hat, einen zweiten Traum jedes Chorleiters: Wenn der Chor singt, dann soll es klingen wie aus einem Munde. Rein wie die Hymnus-Chorknaben, klangstark wie die Gächinger Kantorei und spritzig wie die Prinzen. Das ist die Idealvorstellung. Ein Alptraum ist dagegen das, was Spötter so beschreiben: Nimm vier Leute aus diesem Chor und du hörst fünfstimmigen Gesang. Nein, so nicht. Sondern es soll ein runder, vollendeter Klang entstehen.

Die Bibel beschreibt, dass es bei Salomos Tempelweihgottesdienst so gewesen sei. Als Priester und Sänger anfingen zu musizieren und Gott zu loben, da klang es eben wie aus einem Munde.

Nun müssen wir eines beachten: In der Alten Welt gab es grundsätzlich nur einstimmige Musik. Erst viele Jahrhunderte später, zu Beginn der Neuzeit, wurde die Polyphonie erfunden. Homophonie galt bis dahin als beste und reinste Art des Musizierens. Ein Sänger hatte damals eine Leier, auf der er entweder ein Zwischenspiel in den Gesangspausen gezupft hat, oder eben seinen Gesang in der gleichen Melodie instrumental begleitet hat. Unter Umständen eine Oktave höher oder tiefer, aber eben immer nur einstimmig.

Unser Musikgeschmack ist heute anders. Immer nur gleichzeitig und einstimmig klingt für unsere Ohre auf Dauer langweilig. Umso schwieriger aber, dass auch mehrstimmiger Gesang rein und nicht „schräg“ klingt. Ein guter Klang entsteht, wenn sich die einzelnen Sänger und Instrumentalisten auf eine gemeinsame musikalische Linie einstimmen lassen. Das hängt nicht nur mit dem Stimmvermögen der Chorsänger zusammen, sondern auch damit, welchen Bezug sie zu ihren Liedern haben. Wenn du eine Mozart-Messe einstudierst, kannst du beim „cruzifixus“ die Moll-Modulation perfekt draufhaben und kraftvoll singen. Aber es wird ein Unterschied sein, ob du diese Stelle nur musikalisch sauber interpretierst, oder ob du hier von ganzem Herzen deinen Herrn preisen willst, weil er diesen Kreuzestod auf sich genommen hat, um uns zu erretten.

Und das ist es auch, was der Chronist vom Tempelweihfest berichtet wollte: Die Sänger und Instrumentalisten konnten nicht nur den Sound perfekt rüberbringen, sondern auch die Botschaft. Sie lobten ihren Herrn: „Der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!“, und es klang wie aus einem Munde, weil es von Herzen kam.

3. Ein dritter Wunsch jedes Kantors, ein dritter Traum jedes Chorleiters: Das Konzert ist zu Ende, Beifall brandet auf. Die großartige Leistung des Chores wird mit stürmischem Applaus gefeiert. Das Orchester erhebt sich, der Dirigent verbeugt sich. Das Publikum skandiert lautstark: „Zugabe, Zugabe!“

Nur ganz selten gibt es das noch bei Kirchenkonzerten (vielleicht in der Passionszeit), dass unten am Programmheft steht: „Wir bitten, nach dem Konzert auf Applaus zu verzichten.“ Das fällt uns Zuhörern natürlich schwer, weil wir doch gerne zeigen möchten, wie sehr wir uns über die Musik gefreut haben. Allerdings: Mit unserem Beifall beklatschen wir Menschen, nicht aber Gott, zu dessen Lob der Chor eigentlich gesungen hat.

Wie war das damals beim Festgottesdienst Salomos? Der Chronist erzählt: Sie sangen alle, und in diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des Herrn. Nicht stürmischer Applaus oder lautstarke Zugabe-Rufe erfüllen den Tempelneubau, sondern die Wolke. Die Wolke aber ist das Zeichen dafür, dass Gott jetzt da ist. Mitten unter den Menschen, die ihn loben und preisen. Er ist der Mittelpunkt, um den sich die ganze Festgemeinde versammelt hat. Ohne Gott, gäbe es für sie keinen Anlass zu singen und zu feiern. Und wenn sie in Jerusalem damals in die Hände geklatscht haben, dann war das die rhythmische Verstärkung für den Jubel, für den Gottpreis: „Halleluja, klatscht in die Hände, denn der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf.

Ich freue mich schon darauf, bis wir in unseren Gottesdiensten wieder laut und kräftig miteinander singen können. Wie damals die Gemeinde im Jerusalemer Tempel: Wir geben unser Bestes für Gott, denn er gab sein Bestes für uns. Wir singen von Herzen, denn er hat ja ein Herz für uns und seine Liebe hört niemals auf. Wir geben ihm unseren Applaus, denn er ist der Herr. Halleluja.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Euch, Euer Pfarrer Andreas Taut

 

 

 

Lesepredigt für Sonntag, 3. Mai 2020

Johannes 15,1+2+5

 

Christus spricht:

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen;

und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen,

dass sie mehr Frucht bringe. …

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht;

denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Ohne mich könnt ihr nichts tun“, sagt Jesus. Das klingt ziemlich steil. Es gibt doch jede Menge Dinge, die wir ohne Jesus tun können. Und was bei uns Menschen ohne Jesus läuft, muss auch nicht von vornherein schlecht sein. Wir können ohne ihn arbeiten und feiern, forschen und planen, Herzen aus- und einbauen, Weltraumstationen ins All setzen. Wir können anderen Menschen eine Freude machen, oder sie kränken. Wir können Freunde begleiten oder sie im Stich lassen. Alles das und vieles andere mehr können wir tun ohne Jesus, ohne Gott. Ja, dieses „Ohne Gott“ konnte in Deutschland sogar zu einem weltanschaulichen Programm werden. In der DDR kursierten sozialistische Sprüche mit Spitze gegen den christlichen Glauben: „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein.“ – Heute braucht es keinen staatlich verordneten Atheismus mehr. Viele Menschen leben auch so ohne Gott.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun“, behauptet Jesus. Aber er wollte damit nicht sagen: „Ohne mich bringt kein Mensch etwas Vernünftiges zustande.“ Denn sein Wort richtet sich nicht an die Allgemeinheit. Vielmehr spricht Jesus hier im Kreise seiner Jünger, denen er wichtige Weisungen geben möchte. Seine Worte sind sozusagen für den innerkirchlichen Dienstgebrauch bestimmt. Jesus redet nicht von der Welt, sondern sagt, was Christen betrifft: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“

 

Aber was können wir Christen überhaupt tun? Ob wir ab nächstem Sonntag wieder Gottesdienste in der Kirche feiern werden, ist nicht das, was die Welt wissen will. Sondern: „Was tut die Kirche angesichts all der großen Probleme?“ Das ist die Gretchenfrage, die die Gesellschaft an uns stellt: „Könnt ihr etwas tun gegen Kurzarbeit, Virus-Krankheit oder Klimawandel? Jedenfalls doch nicht mehr, als alle anderen auch.“ – Das ist der Stachel, der unsere Ohnmacht und Schwachheit schonungslos aufdeckt.

Jesus aber tröstet uns mit seinem Wort: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Richtet euch nicht danach aus, was andere von euch erwarten. Wenn ihr meine Nachfolger sein wollt, dann dürft ihr zuerst und allein auf mich sehen. Bleibt an mir dran und an dem, was ich gesagt habe. Bleibt mit mir verbunden, wie eine Rebe mit dem Weinstock verbunden ist. Alles Weitere ist meine Sache. Die Frucht wächst in eurem Leben so geheimnisvoll wie die Trauben, die der Weinstock hervorbringt. Nicht ihr müsst es aus euch hervorbringen, sondern ich schaffe durch euch Frucht in der Welt.“ – Das ist der Trost Jesu an seine Jünger und an uns. Und wir brauchen ihn. Denn es kann durchaus sein, dass wir wenig Frucht sehen. Vielleicht sogar überhaupt keine. Beispiele dafür gibt es genug.

Der Holzmadener Ehrenbürger Gottlieb Stoll war als Konfirmand derart verhaltensauffällig, dass sich sogar der Kirchengemeinderat mit diesem Bengel befassen musste. Der Pfarrer wurde bei den Eltern Stoll vorstellig. Wie schön wäre es gewesen, wenn er noch hätte erleben können, dass sein Konfirmand als erwachsener Mann für Jahrzehnte der wichtigste Förderer seines Heimatdorfes und auch der Kirchengemeinde wurde.

Frucht wächst oft erst nach unserer Zeit. Dann aber erfüllt sich Jesu Verheißung: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“

Jesus gebraucht das uralte Bild des Weinstocks und bezieht es auf sich selbst. Was steckt hinter diesem Bild? Wir kennen die Geschichte von den Kundschaftern, die Mose ins gelobte Land schickt, um herauszufinden, ob dort wirklich Milch und Honig fließen. Und tatsächlich, die Kundschafter bringen eine riesige Traube mit als Zeichen für den natürlichen Reichtum und den Segen des Landes, das Gott seinem Volk versprochen hat. In dieses Land nun, pflanzt Gott sein Volk Israel ein. Psalm 80 beschreibt das so:    Den Weinstock [Israel] rissest du [Gott] aus Ägypten aus,

vertriebst Völker, pflanztest ihn ein.

Vor ihm hattest du Raum geschaffen,

er wurzelte seine Wurzeln ein und erfüllte das Land.

Die Berge sind von seinem Schatten bedeckt worden,

von seinen Zweigen die Gotteszedern.

Er streckte seine Ranke, bis zu Euphrat seine Triebe.“

Aber dann gedeiht er nicht mehr so recht, der Weinberg Gottes. Die Propheten müssen auf den Plan treten und Israel im Namen Gottes anklagen: „Ich hatte dich gepflanzt als einen guten Weinstock, ein ganz edles Gewächs. Warum bist zu jetzt zu einem schlechten, wilden Weinstock geworden?“ So predigte der Prophet Jeremia (2,21). Oder denken wir an das Weinberglied des Jesaja (Jes 5): Gott, der Weingärtner, hegte und pflegte den Weinberg Israel. Dann wartete er, dass er Trauben brächte, aber er hatte nur faulende Beeren. Jetzt muss das Gericht kommen. Der Weinstock verwildert, und der Prophet Ezechiel erlebt und beschreibt, wie er schließlich ausgerissen wird.

Vor diesem Hintergrund steht nun Jesu Wort vom Weinstock: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Jesus verkörpert das neue, das wahre Israel. Und das neue Gottesvolk wächst aus ihm, dem wahren Weinstock heraus. Nicht neben ihm als eigene Rebe, sondern aus ihm selbst heraus, in der Verbindung mit ihm. 

Alles hängt an Jesus. Für viele Christen, auch für engagierte Christen ist das ja durchaus fraglich, welche Rolle Jesus im Glauben spielen sollte. Hängt wirklich alles an ihm? Muss Jesus unbedingt immer im Mittelpunkt des Glaubens stehen. Könnten es nicht genauso gut christliche Werte sein. Zum Beispiel Freiheit oder Gerechtigkeit, oder Themen wie Umwelt und Schöpfung, das Anliegen der Frauen, die Einheit der Kirchen usw. Im Dialog mit anderen Religionen erweist sich die zentrale Stellung Jesu, des Gottessohnes, ja immer wieder als Stolperstein, als Stein des Anstoßes. Wenn wir auf die Einzigartigkeit Jesu hinweisen, muss dann nicht der interreligiöse Dialog scheitern?

Das Evangelium aber sagt uns klipp und klar: An Jesus vorbei gibt es kein Christsein. An Jesus hängt alles. An ihm entscheiden sich Heil und Gericht. Wenn du nicht am Weinstock bleibst, verdorrst du zu einem trockenen Stück Holz, fruchtlos und nutzlos.

Aber selbst wenn du dranbleibst und an Jesus festhältst, musst du es dir gefallen lassen, dass der Weingärtner kommt und dich beschneidet. – Wir kennen das von unseren Weinstöcken. Im Winter und Frühjahr müssen die Reben beschnitten werden und zwar nicht zu knapp. Der Schnitt sorgt dafür, dass die Reben nicht wuchern und unnötiges Holz treiben, sondern dicht am Stamm des Weinstocks Trauben ansetzen, die dann schön groß werden können. Bei Obstbäumen ist es ähnlich. Den richtigen Schnitt braucht’s um der Früchte willen.

Ebenso am Weinstock Gottes, an dem du als Rebe hängst: Gott beschneidet dich in deinen Wünschen, reißt Lebensträume aus und kappt den Wildwuchs in deinem Leben. Wie nichtig alle unsere Pläne sein können, erleben wir ja gerade in diesen Wochen. Schmerzhafte Reinigung aber ist nötig, um der Früchte willen, die Jesus aus uns hervorbringen möchte. An ihm hängen wir, auf ihn schauen wir, ihm vertrauen wir.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Euch

Euer Andreas Taut

 

 

 

 

Lesepredigt für Sonntag, 26. April 2020

Hirtensonntag - 1. Petrus 2,21-25

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Bibel ist seit Jahrhunderten der Bestseller Nummer eins unter allen Büchern. Jahr für Jahr. Das ist erstaunlich, weil nicht alles, was in der Bibel erzählt wird, leicht verständlich ist. Ein Bild, das häufig vorkommt, ist das vom Hirten und den Schafen. Jesus hat es auf sich selbst bezogen, als er von sich sagte: „Ich bin der gute Hirte.“ Hätte er heute gelebt, dann hätte er vielleicht eher von Flugpassagieren und ihrem Piloten gesprochen: „Ich bin der vertrauenswürdige Pilot. Meine Crew hört auf mein Kommando, und sie tun, was ich sage. Und ich fliege das Flugzeug sicher bis ans Ziel. Ohne mich seid ihr aufgeschmissen. Denn als Passagier kannst Du nicht einfach das Steuer übernehmen. Das ist mein Job für dich.“ – Diesen Vergleich verstehen wir gut, nicht zuletzt deshalb, weil vor einigen Jahren ein Flugzeugpilot absichtlich in die Berge gerast ist und alle Menschen an Bord mit sich in den Tod gerissen hat. Das uralte Bild vom Hirten und seiner Herde greift der 1. Petrusbrief auf:

Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Ihr wisst: „Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.“ Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen. Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen mit seinem eigenen Leib. Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden! Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.

Genau darum brauchen wir die Bibel, damit wir das beispiellose Werk des guten Hirten, Jesus Christus darin entdecken können. Er hat eine Spur gelegt, in der wir selbst die richtige Spur für unser Leben finden können. Die Spur der Liebe. Die Großen in der Welt, die Einfluss haben und befehlen können, die kümmern sich eher selten um die Spur der Liebe. Sie sorgen sich um ihr Ansehen und ihre Ehre. Sie sorgen sich darum, wie sie ihre Macht erhalten und ihr Vermögen sicher unterbringen können. Die kleinen Geister dieser Welt, die von einem falschen Glauben verführt werden, leben auch nicht in der Spur der Liebe. Sie schüren nicht selten Hass auf andere Menschen. Manche legen Brände, andere legen Bomben. Auch bei Kleingeistern gibt es keine Spuren der Liebe, sondern Blutspuren. Als Jesus durch Israel zog, da legte er überall, wo er auf andere Menschen traf, eine breite Spur der Liebe. Das war für ihn das Wichtigste, für andere Menschen da zu sein und ihnen in Liebe zu begegnen. Dafür hat er sogar einen schmerzlichen Leidensweg auf sich genommen. Aus Liebe ist er bis ans Kreuz gegangen.

Wer leidet schon gerne. Leiden ist schlimm. Aber wenn wir Unrecht erleiden, ohne selbst schuldig zu sein, dann schmerzt das doppelt. Was wir zu Unrecht erlitten haben, beschäftigt uns über Jahre. Das vergessen wir nicht. Wenn wir die Leidtragenden sind, haben wir ein sehr gutes Gedächtnis. Leider können viele Menschen Schlimmes aus ihrem Leben erzählen:

• Das Mädchen, das von den Schulkameraden immer nur gemobbt und verspottet wurde.

• Der Junge, der unter dem ständigen Streit und dann der Scheidung der Eltern gelitten hat.

• Die Frau, die als Mädchen missbraucht worden ist.

• Die Schwester, die nach dem Tod des Vaters beim Erben von den Geschwistern keine Anerkennung erhielt für ihre aufopfernde Pflege.

• Der Ehepartner, der hintergangen und betrogen wurde.

• Der Mensch, der sich mit seinen alten Freunden überworfen hat und im Alter keinen Frieden mehr finden kann.

Erlittenes Unrecht bedrückt unsere Seele. Es lähmt uns, und es vergiftet unser Leben. Wie können wir damit umgehen, wie bewältigen wir das? Die Antwort des Petrusbriefes: Geh in der Spur Jesu. Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Jesus, der gute Hirte, hat eine Spur der Liebe hinterlassen. Im Grunde geht uns seine Wegführung gegen den Strich. Wir bleiben lieber unserer eigenen Spur treu und sagen: „Jesus und ein paar seltene Heilige, können ihren Peinigern vergeben. Aber ich? Nein! Ich kann so nicht leben! Ich nehme das nicht einfach hin, sondern ich wehre mich gegen Unrecht und Verletzungen.“ Was können wir tun, um rauszukommen aus dieser tödlichen Spur. Wie können wir eintreten in die Spur der Liebe, die Jesus gelegt hat?

1. Schritt: Meine Enttäuschungen, Verletzungen, all das erlittene Un-recht, eingestehen. – Meine Mitmenschen, mein Chef, mein Lehrer, meine Schüler, aber auch meine nächsten Familienangehörigen sind Sünder, die die Vergebung Jesu brauchen. Und auch meine Vergebung. Wenn wir sagen: „Ach, das hat mir nichts ausgemacht!“, belügen wir uns meistens. Tief innen wurmt uns die Sache doch. Mit unserer Lüge, die verharmlost, blockieren wir Gottes Hilfe für uns und kommen nicht weiter.

2. Schritt: Jesus ernst nehmen als den guten Hirten, der den richtigen Weg gespurt hat. – Jesus sagt: „Komm zu mir mit deinen Lasten. Ich will dir Entlastung geben!“ Deshalb können wir ihm all unser Leid klagen. Enttäuschungen und schmerzhafte Verletzungen bringen wir im Gebet vor ihn. Wir dürfen klagen vor Jesus – ganz bestimmt, sonst gäbe es nicht so viele Klagepsalmen und Klagegebete in der Bibel. Und Jesus wird uns neu zu-sprechen: „Ich bin Dein Hirte! Ich war bei Dir, als Du das erlitten hast. Sei getrost, ich bin auch jetzt bei Dir. Ich will Dich trösten und heilen.“

3. Schritt: Jesus um Vergebung bitten! – Beklagenswert ist das Unrecht, aber auch, dass ich oft unfähig bin zu vergeben kann: „Herr, bei mir ist keine Spur von Liebe und Vergebungsbereitschaft da. Ich bin verbittert und zornig, ich habe Angst und bin kleingläubig. Vergib mir und befreie mich davon.“ - Wer so bittet, dem wird vergeben. Der wird schließlich nicht mehr von Groll und Angst erfüllt, sondern vom Geist Gottes.

4. Schritt: Gottes Geist treibt uns dazu, auch unserem Widersacher zu vergeben. – Der Heilige Geist gibt mir die Kraft dazu: „Vater, was dieser getan hat, das hat mich verletzt. Aber ich gebe das jetzt in deine Hand. Ich lasse dich Richter sein darüber. Und für meine Person vergebe ich das jetzt meinem Nächsten, in deinem Namen. Du willst das so und ich vertraue auf deine Kraft, das ich es auch ehrlich kann.“

Das sind vier Schritte, die uns aus den tödlichen Spurrillen herausführen und auf den Weg der Liebe und der Vergebung bringen. Wir gestehen die Verletzung ein. Wir bringen das erlittene Unrecht im Gebet vor Gott. Wir bitten ihn um Vergebung, dass wir so wenig lieben können. Und aus dem Trost des Heiligen Geistes können wir dann tatsächlich dem andern vergeben. Jesus hat uns das vorgelebt. Er hat uns ein Beispiel gegeben. Am Kreuz hängend konnte für seine Peiniger beten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Mit besten Segenswünschen für den Hirtensonntag grüßt Euch

Euer Andreas Taut

 

Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Wer dir Vertrauen schenkt, für den bist du das Licht.

Du willst ihn leiten und ihm wahres Leben geben,

ewiges Leben, wie dein Wort es verspricht.

Der Hirte bist du dem, den Lebensangst verwirrt,

begleitest ihn nach Haus, dass er sich nicht verirrt. (EG 619,3)

 

 

 

 

Lesepredigt für Sonntag, 19. April 2020

Jesaja 40,27-31

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Kommunikation“ ist ein Zauberwort unserer Zeit und ziemlich spannend in Corona-Zeiten. Wie können wir miteinander sprechen, wenn wir uns nicht persönlich treffen dürfen? Wir Menschen sind doch kommunikative Wesen. Die Sprache zeichnet uns gegenüber allen anderen Geschöpfen aus. Durch Telefon und Internet sind wir heute rund um die Uhr erreichbar. Wir sind vernetzt mit der ganzen Welt. Die schönste Art der Kommunikation aber ist, wenn sich zwei Menschen füreinander Zeit nehmen und miteinander ins Gespräch kommen. Das vermissen wir schmerzlich.

Das Bibelwort, auf das wir heute sehen wollen, ist Teil eines Gesprächs. Kein oberflächliches, sondern eines, das in die Tiefe geht. Eine kurze einfühlsame und tröstliche Rede. Der Prophet Jesaja spricht mit Menschen, die müde und erschöpft sind. Und wir hören, wie er seelsorgerlich auf sie eingeht.

 

(I.) Warum sagst du, Jakob, und warum sprichst du, Israel:

"Verborgen ist mein Weg vor dem Herrn,

und an meinem Gott geht mein Recht vorbei"?

Weißt du denn nicht, hast du's denn nicht gehört?

 

(II.) Ewiger Gott ist der Herr, Schöpfer der Enden der Erde.

Er wird nicht müd, er wird nicht matt, unausforschlich ist seine Weisheit;

er gibt dem Müden Kraft, und dem Erschöpften schafft er große Stärke.

 

(III.) Und mögen selbst Jünglinge müde werden und matt

            und Mannen stolpern und stürzen -

die auf den Herrn harren, bekommen wieder und wieder die Kraft;

sie bilden Schwingen wie die Riesenvögel;

sie laufen und ermatten nicht; sie gehen und werden nicht müde.

Jesaja entwickelt das Gespräch mit seinen Freunden in drei Schritten (I.) Der Prophet fragt nach. (II.) Er weckt die Erinnerung. (III.) Er ermutigt und tröstet.

Für unsere eigenen Gespräche – egal ob am Telefon, im persönlichen Gespräch, oder schriftlich – können wir uns dieses Grundmuster der Gesprächsführung leicht merken. Es ist einfach und wirkungsvoll: Nachfragen, erinnern, ermutigen.

 

I. Jesaja fragt nach

Die Freunde des Jesaja waren müde, physisch k.o. und deshalb wahrscheinlich gar nicht aufgelegt für ein Gespräch. So wie die Mutter, die die Nächte mit einem schreienden Säugling durchbringt und eigentlich nur ihre Ruhe braucht. Oder wie die Kinder, deren Kräfte durch die Pflege ihrer verwirrten Eltern aufgebraucht sind. Die Freunde Jesajas waren kraftlos, genauso wie die Kranken. Wenn einer wochenlang an einer Krankheit laboriert und schier verzweifelt ist, weil kaum eine Besserung eintritt, dann wird er lebensmüde. Und der, der durch seinen Beruf permanent überanstrengt ist, kriegt das Burnout-Syndrom. Fast immer kommt zur körperlichen Müdigkeit auch noch der seelische Durchhänger. Das hat Jesaja wohl bei seinen Freunden gespürt, sie waren müde und seelisch am Boden. Ein gottverlassenes Häuflein Elend.

Der Prophet Jesaja aber fragt nach: „Wie kommt es, dass du sagst: ‚Gott sieht mich nicht mehr.‘ Was hast du erlebt, dass du an Gott irre geworden bist." – Jesaja ist ein guter Seelsorger. Er fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus: „Hallo hier bin ich und möchte dir mal einen guten Rat geben.“ Stattdessen fragt er ganz ruhig nach, wie die Stimmung bei seinen Freunden ist.

Wie machen wir das, wenn wir ein Gespräch führen? Legen wir auf jeden Satz, den der andere macht, gleich unsere eigene Meinung drauf und kontern mit unseren eigenen Erlebnissen? Oder fragen wir einfach mal nach und lassen den anderen erzählen.

Jesaja lässt seine Freunde reden. Sie sind ausgepowert und verzweifelt über Gott. Sie sagen: "Ich glaube nicht, dass Gott mich überhaupt sieht in meinem Leiden, in meiner Angst, in meiner Depression. Er hilft mir nicht.“

Vielleicht ist das noch viel schwerer zu ertragen als die Not selbst. Wenn ein Leidender das Gefühl hat: Ich bin mit meiner Not allein. Da ist keiner, der sieht, wie ich leide. Nicht einmal Gott. – Deshalb trifft dieses Sprichwort den Nagel auf den Kopf: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wenn der Leidende merkt, da ist jemand, der mitfühlt, der mitleidet, dann ist das ein erster großer Schritt auf dem Weg zur Besserung.  Mitleiden kann aber nur der, der nachfragt. Deshalb ist dieser erste Schritt im Gespräch so wichtig: Nachfragen. Danach kommt der zweite Schritt:

 

II. Jesaja ruft in Erinnerung

„Weißt du denn nicht, hast du's denn nicht gehört? – Komm, wir überlegen mal, was du erlebt hast in früheren Tagen. Was du in deinem Leben für Erfahrungen mit Gott gemacht hast. Und wenn das nicht reicht, dann müssen wir nicht beim Persönlichen stehen bleiben. Wir wechseln mal die Perspektive. Da sind ja noch die vielen Erlebnisse, die Deine Brüder und Schwestern im Glauben gemacht haben. Lass uns doch mal darüber nachdenken, was die mit Gott erlebt haben. Denn in deinem und in ihrem Leben hat Gott Spuren hinterlassen.“

Jesaja erinnert seine Freunde an den allmächtigen und barmherzigen Gott: "Erinnert euch doch daran, wie Gott ist. Er ist ewig. Von der fernsten Vergangenheit bist zur fernsten Zukunft. Er ist der Schöpfer von Anfang an, der Schöpfer der Enden der Erde. Es gibt keinen Winkel dieser Welt, den er nicht gestaltet hat. Und darum kennt er auch Dich und dein Umfeld, in dem du lebst.“ Das ist der zweite Schritt, in diesem seelsorgerlichen Gespräch. Jesaja ruft die Erinnerung wach an das, was Gott schon getan hat.

Er hätte ja auch gleich mit einer großen Zukunftsvision kommen können. Nach dem Motto: „Seid nicht bekümmert, ihr sitzt zwar noch im Dunkeln aber bald wird alles ganz anders.“ Aber Jesaja macht es besser. Bei ihm geht es nach dem Motto: Hoffnung durch Erinnerung. Er stellt den Freunden nicht ein strahlendes Ziel vor – dann wäre das Gespräch schnell am Ende. Stattdessen führt Jesaja das Gespräch fort, indem er zurückschaut auf eigene Erfahrungen und die Erfahrungen anderer mit Gott. Die Freunde hören zu und können vielleicht auch schon zustimmen.

Genau deshalb ist es wichtig, dass wir uns immer wieder einander erzählen, was wir mit Gott erlebt haben. Erfahrungen mitteilen und uns daran erinnert, was er uns Gutes getan hat. So haben wir es in den letzten Jahren immer am Ostermontag gemacht.

 

III. Jesaja ermutigt und tröstet

Nach Rückfragen und Erinnerung kann der Prophet dann die bedrückten Freunde trösten und von unserm wunderbaren Gott reden. Er verwendet in seiner Predigt eindrucksvolle Beispiele: Da sind die jungen Kriegsmannen, die nur so vor Kraft strotzen, dass sie eigentlich nie ermüden. So wie Jungscharbuben, die immer quirlig und kaum müde zu kriegen sind. Oder die Riesenvögeln, die Gänsegeiern, die kraftvoll und majestätisch am Himmel ihre Kreise ziehen. (Geier hatten in biblischer Zeit noch nicht den schlechten Ruf weg, mit dem diese Spezies später von den Griechen belegt wurde. Deshalb übersetzte Luther hier lieber mit "Adler".)

Mit solchen Bildern ermutigt Jesaja seine Freunde und sagt damit: „Gott ist stärker und größer als alles, was wir uns vorstellen können. Und wenn ihr auf den Herrn harrt, bekommt ihr von ihm wieder und wieder neue Kraft.“ Es ist wie bei einem Baum, der abgehackt wurde. Nichts mehr zu sehen außer dem Strunk. Aber im Frühjahr erwachen die Kräfte im Wurzelstock und der Baum kann wieder austreiben.

So können wir einander ermutigen und trösten: Nachfragen, erinnern und an der richtigen Stelle von der unerschöpflichen Kraftquelle Gottes reden.

 

Mit herzlichen Grüßen und besten Segenswünschen für die nächste Woche grüßt Euch, Euer Andreas Taut

 

 

 

 

Lesepredigt für Ostersonntag, den 12. April 2020

1. Korinther 15,12-28

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Treffen sich drei Kirchengemeinderatsvorsitzende. Sie unterhalten sich, wer den liberalsten Pfarrer in seiner Gemeinde hat. Munter prahlt der erste drauflos: "Unser Pfarrer bietet Tanzkurse um den Altar an!" Der zweite: "Das ist doch gar nichts! Unser Pfarrer lädt am Karfreitag die ganze Gemeinde zum Schnitzelessen ein!" Darauf meint der dritte nur: "Vergesst das alles! Unser Pfarrer hängt an Weihnachten ein Schild an die Kirchentür mit der Aufschrift: Über die Feiertage geschlossen!" – Wer hätte gedacht, dass aus diesem Witz einmal bitterer Ernst werden würde. Die Osterfeiertage ganz ohne Gottesdienste.

 

Kritische Geister haben mit der Auferstehung allerdings von Anfang an Probleme gehabt. Schon der Apostel Paulus beklagte das. Er schrieb seinen Freunden in Korinth: „Wie können einige von euch sagen, ‚Es gibt keine Auferstehung der Toten‘? Wenn es nämlich keine Auferstehung der Toten gibt, dann wurde auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch euer Glaube ist dann sinnlos“ (1. Korinther 15,12-14).

Kurz gesagt: Ohne Ostern könnten wir einpacken. Wäre Christus nicht auferstanden, dann müssten wir unsere Kirchen nicht nur zuschließen, sondern könnten sie im Grunde gleich ganz abreißen. Denn das stellt Paulus gleich klar: An der Frage der Auferstehung entscheidet sich nicht nur unsere Zukunft, sondern auch wie wir unser Leben heute führen werden. Es geht nicht allein darum, einen schönen Ausblick auf die Ewigkeit zu haben. Genauso wichtig ist die Auferstehungshoffnung für das Leben, das wir jetzt bestehen müssen.

 

1. Der auferstandene Christus und die Auferstehung der Toten

Im Glaubensbekenntnis, das wir an allen hohen Feiertagen sprechen, bekennen wir uns an zwei Stellen zur Auferstehung. Es heißt einmal von Jesus Christus: Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Im dritten Artikel bekennen wir dann unsere Zukunftshoffnung: Ich glaube... an die Auferstehung der Toten. Beides, so sagt Paulus, hängt unmittelbar zusammen. Dass Christus als Erster, als Erstling von Gott auferweckt wurde, das ist sozusagen die Gewähr dafür, dass auch die Auferstehung der Toten kommen wird: Christus ist auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus auch alle lebendig gemacht werden (1. Kor 15,20-22).

Paulus argumentiert hier wie im Römerbrief mit Adam, dem ersten Menschen der alten Schöpfung, und Christus, dem ersten Menschen der neuen Schöpfung. Die Bibel erzählt am Anfang von Adam und Eva, und wie die beiden nach dem Sündenfall nicht länger im Paradies leben konnten. Adam, der die natürlich-geschichtliche Menschheit repräsentiert, hat eben dieser ganzen Menschheit den Tod eingebracht. Christus aber, der die endzeitliche Menschheit repräsentiert, wird allen die Auferstehung bringen.

 

2. Auferstehung für alle?

Allen? Spricht Paulus von einer allgemeinen Totenauferstehung? Also, dass alle Menschen auferstehen werden, egal ob Hindu oder Moslem, Atheist oder Animist, Buddhist oder Christ. Das ist eine der umstrittensten Fragen des christlichen Glaubens.

Hier müssen wir genau hinsehen. Paulus sagt zwar: Alle Menschen gehören zu Adam, darum müssen sie sterben; aber durch die Verbindung mit Christus bekommen sie das neue Leben. Dem Tod sind wir als Nachkommen Adams sozusagen automatisch alle verfallen. Daran besteht kein Zweifel. Das neue Leben aber hängt am Glauben, an der Verbindung mit Christus (vgl. 1. Korinther 15,23). Es gibt keinen automatischen Fahrstuhl in den Himmel.

Papst Franziskus, ist jetzt schon ein Papst für die Geschichtsbücher. Er ist der erste, der sich nach dem heiligen Franz benannt hat. Er ist der erste, der einen lebenden Vorgänger hat. Und er ist der erste, der heuer den Ostersegen auf einem leeren Petersplatz sprechen wird. Zu Beginn seiner Amtszeit vor sechs Jahren hat Papst Franziskus alle Bandenmitglieder der Mafia öffentlich gewarnt: Hört auf mit euren schlimmen Machenschaften, kehrt um von euren verbrecherischen Wegen, sonst werdet ihr in der Hölle landen. Würden wir Paulus fragen, wie es um uns steht, der würde sagen: Ihr seid nicht wirklich besser dran, als die Mafia. Allein wer umkehrt und an Jesus glaubt, der wird gerettet werden.

 

3. Christus und das neue Leben

Die Leute von Korinth hatten die Sache mit der Auferstehung nicht ganz verstanden, deshalb musste Paulus in seinem Brief erklärende Worte schreiben. Aber in einem Punkt lagen die Freunde dort gar nicht so falsch: Jesu Auferstehung und die christliche Taufe, das hat etwas miteinander zu tun. Paulus selbst hat mit seiner tiefgründigen Theologie seinen Teil dazu beigetragen, dass die Korinther diesen Punkt behalten hatten. Sie haben dem Apostel wahrscheinlich über die Schulter geschaut, als er in ihrer Stadt den Römerbrief diktiert hat. Paulus schreibt dort (Römer 6,4): Durch die Taufe sind wir (also) mit Christus gestorben und begraben. Und wie Christus durch die Herrlichkeit und Macht seines Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir ein neues Leben führen.

Paulus redet hier nicht von der Zukunft in Gottes neuer Welt. Er nimmt unsere Gegenwart in den Blick: Wer getauft ist, der kann jetzt schon ein neues Leben führen. Denn selbst wenn die Gegenwart auf Erden für dich unerfreulich ist, die Osterfreude kann dir keiner nehmen. Wenn du auf den Namen Jesu Christi getauft bist und an ihn glaubst, dann ist dir dein Anteil an dem, was Jesus für uns an Karfreitag und Ostern getan hat, sicher.

Martin Luther war einer, der mitten im Leben auf dieses neue Leben gesetzt hat. Er konnte im Glauben an den auferstandenen Christus oft neue Kraft schöpfen für die Gegenwart. In den letzten Jahren seines Lebens musste er besonders viele Enttäuschungen verkraften. Aber zum Glück hatte Luther ja eine kluge und umsichtige Frau, seine Käthe. Sie kannte die Sorgen und Anfechtungen ihres Mannes und wusste damit umzugehen. Eines Tages bestellte Käthe Luther einen Steinmetzen und gab ihm den Auftrag, an ihrem Haus in Wittenberg eine neue Haustüre zu bauen. Es entstand ein schönes Portal mit einem geschwungenen Torbogen. An einer Stelle ließ die umsichtige Ehefrau ein Wort einmeißeln: „Vivit“, Jesus lebt! – Jeder, der künftig durch das Tor ein- und ausging, sollte wissen: Christus ist auferstanden. Alles, was in diesem Haus geschah, alles was Luther mit seinen Freunden dort verhandelte und besprach, stand unter diesem Motto. Zuerst aber galt es dem Hausherrn selber in den Stunden seiner Anfechtung, seiner Zweifel und Sorgen. Jesus lebt! Dieses Wort – Luther hat es sich auch mit Kreide immer wieder auf Tische, Türen und Wände geschrieben – diese Osterbotschaft hat ihn getragen. "Allein weil er lebt", so sagte Luther, "so werden wir auch leben durch ihn." Und er meinte damit besonders das Leben in der Gegenwart, welches uns oft so viel Mühe und Kummer macht.

Warum nicht einfach die Tragfähigkeit der Osterbotschaft fürs Leben ausprobieren. Schreib wir uns doch über unser Haus, unsere Familie, unsere Arbeit, unsere Sorgen und Freuden dieses Wort: Jesus lebt! Es wird unser Leben verändern. Halleluja.

 

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Euch, Euer Andreas Taut

 

Christ ist erstanden von der Marter alle,

des soll wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen;

seit dass er erstanden ist, so loben wir den Vater Jesu Christ. Kyrieleis.

 

 

 

 

 

 

Lesepredigt für Karfreitag, den 10. April 2020

2. Korinther 5,19-21 – Das Wort von der Versöhnung

 

19 In Christus war Gott selbst am Werk,

um die Welt mit sich zu versöhnen.

Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.

 

Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt.

20 Wir treten also anstelle von Christus auf.

Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.

So bitten wir anstelle von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen!

 

21 Gott hat Christus, der keine Sünde kannte,

an unserer Stelle als Sünder verurteilt.

Denn durch Christus sollten wir vor Gott als gerecht dastehen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Wie viel Karfreitag brauchen wir noch? Ich glaube, wir brauchen ihn ganz dringend. Denn am Karfreitag hören wir das Wort von der Versöhnung. Gott hat Frieden mit uns Menschen gemacht. Das hat er sich etwas kosten lassen. Durch seinen Sohn Jesus Christus versöhnte er sich mit uns. Darum können wir auch untereinander versöhnt und in Frieden leben. In unserer zerrissenen Welt ist die Versöhnungsbotschaft das einzige, was wirklich helfen kann.

Der Apostel Paulus hatte es selbst erlebt. Als eifernder Hassprediger gegen die christlichen Gemeinden wollte er seinem Gott dienen. Bis er mit Schrecken erkannte, dass das der größte Fehler war, ja dass er dadurch zum Feind Gottes geworden war. Aber dann die Wende: Obwohl er ein Feind war, hatte Gott sich mit ihm ausgesöhnt und ihm den Auftrag gegeben seine Versöhnungsbotschaft weiterzusagen. Daher der eindringliche Aufruf des Apostels: „Lasst auch Ihr Euch von Gott diese Versöhnung schenken!“

 

Leider tun wir modernen Menschen uns ziemlich schwer mit der Art und Weise, wie Gott Versöhnung gemacht hat. Unser größtes Problem mit Karfreitag ist dieser schreckliche Kreuzestod Jesu. War das wirklich nötig? Wir verstehen nicht mehr, was die Bibel mit Sühne und Sühnopfer meint. Der Gedanke an Sühne durch Blut, also durch Hingabe des Lebens, ist für uns kaum nachzuvollziehen. Wieso sollten wir an eine so merkwürdige Blut- und Sühnetheologie glauben? Jesus als Rabbi und Lehrer, das lassen wir uns gerne gefallen. Aber dass Gott dieses grausige Opfer am Kreuz zulässt, dass ausgerechnet darin das Heil für uns begründet sein soll, das ist doch abstrus.

Wie bei vielen wichtigen theologischen Fragestellungen, lässt sich dieses Verständnisproblem nicht mit ein, zwei Sätzen aus der Welt schaffen. Hilfreich könnte für uns sein, wenn wir erkennen, dass der Sühnegedanke vor allem für uns westlich geprägte Menschen ein Problem darstellt. Für Menschen aus anderen Kulturen ist Sühne eine klare Sache.

 

Der Amerikaner Neil Anderson war Missionar in Papua-Neuguinea. Zusammen mit seiner Frau lebte er bei den Folopas und arbeitete jahrelang an der Übersetzung des Neuen Testaments. Dieser Missionar erzählte einmal von einem Fast-Unglück. Es passierte beim Hausbau, als er gerade oben auf dem Dach arbeitete. Eine Axt, die ihm aufs Dach hinaufgereicht wurde, entglitt seiner Hand. Sie fiel auf einen Folopa namens Wei Ali herab und fügte ihm eine Schürfwunde zu. Gott sei Dank war an seiner Haut nur ein oberflächlicher Kratzer entstanden, aber in seinem Hemd klaffte ein großer Riss.

Augenblicklich herrschte große Aufregung. Die Leute schrieen und brüllten, schauten zu Wei Ali und dann wieder zu Anderson hinauf. Es war offensichtlich, dass etwas Schreckliches passiert war und dass er die Schuld daran trug. Es half auch nicht, dass der Amerikaner die Wunde gewissenhaft versorgte. Sie würde bald heilen, jeder wusste das. Diese Leute hatten schon Schlimmeres gesehen.

Aber der Zwischenfall war damit nicht bereinigt. Die Folopa schienen auf etwas zu warten. Anderson verstand ihre Sprache noch nicht gut genug, um zu verstehen, worüber sie verhandelten. Angespannt, aufgebracht, erwartungsvoll. Er schaute auf das zerrissene Hemd und sagte sich: „Vielleicht wird es Wei Ali helfen, sich wieder besser zu fühlen, wenn ich ihm etwas für das Hemd bezahle.“ Alle Augen waren auf den Missionar gerichtet. Er ging zu seiner Tasche, zog etwas Geld heraus und gab es dem Folopa.

Kaum war das geschehen, veränderte sich die Situation vollkommen. Der Verunfallte lächelte breit, und alle beruhigten sich. Der Gerechtigkeit war schließlich Genüge getan worden. Alles war nun ausgeglichen. Der Missionar lernte aus diesem Vorfall: Er hatte zwar die Wunde versorgt und für das Hemd bezahlt. Aber für die Leute ging die Sache viel tiefer. Unfälle passierten für sie nicht einfach so, oder zumindest wurden sie nicht auf die leichte Schulter genommen. Für jede Art von Schaden – egal ob absichtlich oder zufällig entstanden – musste irgendeine Art von Entschädigung geleistet werden, um die Sache auszugleichen.

„Bei dieser Begebenheit“, so berichtete Neil Anderson, „hatte ich zum ersten Mal mit Rückzahlung zu tun. In der traditionellen Gesellschaft Melanesiens ist das ein grundlegendes Verhaltensmuster.“ Mit so einem System vor Augen ist es für die Leute leicht einzusehen, dass auch eine Entschädigung notwendig ist, wenn Gott beleidigt wurde.

Es mag sein, dass ein Mensch sich an einem anderen Menschen versündigt, aber letzten Endes richtet sich die Sünde gegen Gott. Er ist derjenige, der gesagt hat: „Du sollst nicht lügen, du sollst nicht stehlen, du sollst die Ehe nicht brechen.“ Wenn wir Gottes gute Ordnung beschädigen, dann muss etwas geschehen und zwar nicht nur im Hinblick auf den Geschädigten, sondern auch im Hinblick auf Gott. Wenn wir uns streiten, belügen und bekriegen, ist das Gottesverhältnis immer mitbetroffen. Ganz abgesehen davon, dass es so schwerwiegende Unfälle gibt, dass sie nicht einfach mit Geld wiedergutgemacht werden können: Ein Autounfall mit bleibenden Folgen. Oder ein Unglück mit tödlichem Ausgang. Oder Unheil verursacht durch ein ganzes Volk, wie wir es in unserer Geschichte erlebt haben. Spätestens da stellt sich die Frage: Gibt es die Möglichkeit für neues Leben auch nach solch einem irreparablen Geschehen? Gibt es Sühne, so dass wir weiterleben können, auch wenn wir eigentlich für unsere Schuld, für dieses Unheil mit unserem eigenen Leben geradestehen müssten?

Darum geht es, wenn die Bibel von Sühne spricht: Du hast dein Leben verwirkt und kannst Gott nicht mehr gegenübertreten. Aber er schafft dir einen Weg, dass du nicht sterben musst, sondern frei werden kannst. Das ist die Karfreitagsbotschaft des Evangeliums: Den Ausgleich für unsere Sünden können wir Menschen Gott gegenüber nicht erbringen. Wir sind machtlos, uns selbst zu retten. Deshalb hat Gott die Initiative ergriffen und seinen Sohn gesandt, um es für uns zu tun.

Karfreitag bringt gute Nachrichten für unsere zerrissene Welt. Eigentlich die beste Botschaft, die wir Menschen bekommen können: Gott selbst hat das Problem gelöst, das kein Mensch lösen kann. In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Er hat Christus, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle als Sünder verurteilt, damit wir freigesprochen sind. Darum: Lasst euch versöhnen mit Gott!

 

Einen gesegneten Karfreitag wünscht Euch, Euer Andreas Taut

 

EG 81,3+4: Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?

Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;

ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.

Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!

Der gute Hirte leidet für die Schafe;

die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte.

 

 

 

 

 

Lesepredigt für Palmsonntag den 5. April 2020 in Holzmaden

Markus 14,1-9

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten. Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: „Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

 

1. Alles für Jesus

Ein feierliches Abendessen in Bethanien führt zu diesem denkwürdigen Gespräch. Simon, ein geheilter Aussätziger, hatte Gäste eingeladen. Ich stelle mir vor, dass er so richtig groß aufgetischt hat: Mehrgängiges Menü, dazu einen ausgesuchten Wein. So wie wir das auch machen, wenn Freunde zum Essen kommen: gut und reichlich. Die Jünger haben ordentlichen Kohldampf, es gibt viel zu erzählen.

Plötzlich wird es still im Raum. Eine der Frauen steht auf. Es ist Maria, die Schwester des Lazarus. Man hört ein leises Knacken, denn sie bricht dieses zarte Fläschchen aus hellem Alabasterstein auf. Sie macht einen Schritt auf Jesus zu und gießt über ihm den Inhalt der Parfümflasche aus. Das Nardenöl entfaltet einen Wohlgeruch. Der Duft durchzieht Simons Haus.

Bei aller Freundschaft, aber damit sprengt Maria die Etikette. Diese Salbung ist selbst unter guten Freunden eine ziemlich grenzwertige Aktion. Was soll diese Vergeudung des kostbaren Öls? Maria gibt mit einem Schlag ein kleines Vermögen aus. 300 Silberlinge ist die Salbe wert, das entspräche heute einem fünfstelligen Betrag. In wenigen Augenblicken ist das Öl weggeflossen. Maria gibt es für Jesus. Sie gibt ihm das Wertvollste, was sie hat. Aus Liebe.

Liebe rechnet nicht. Sie gibt alles. Wenn wir erst anfangen zu rechnen, dann stirbt die Liebe. – Da ist die Tochter, die den 80. Geburtstag ihrer Mutter vorbereitet. Sie kauft für sie achtzig wunderschöne, langstielige rote Rosen. Die duften im ganzen Haus. Das sehen die Nachbarn, und einer meint: „Na ja, ein Rosenstöckchen wäre günstiger gewesen.“ Und eine andere stimmt zu: „Das hätte auch länger geblüht.“ – Aber Liebe rechnet nicht. Sie gibt alles.

Wie zeigen wir Jesus unsere Liebe? Sind wir bereit zu verschwenden? – Da war dieser leitende Angestellte. Er war in seiner Firma in verantwortlicher Position beschäftigt und hatte wie seine Arbeitskollegen etwa dreißig Tage Urlaub. „Vier Wochen“, sagte er, „setze ich für Jesus ein. Ich möchte ihm meine beste Zeit geben.“ Er leitete jeden Sommer zwei christliche Freizeiten.

 

2. Alles für uns

Maria hat alles für Jesus gegeben. Aber die Jünger haben kein Verständnis für diese verschwenderische Salbung. Sie fahren die Frau zornig an. Denn wo die Liebe gering ist, da wird der Zorn groß.

So lange sind diese Männer mit Jesus unterwegs gewesen, und so wenig hat sich ihr Herz verändert! Sie kritisieren diese Frau, weil ihnen selbst die Liebe fehlt. Hätten sie sich doch besser gefreut darüber, dass Jesus solche Ehre widerfährt! „Königsmäßig“ wird er gesalbt. Da wird der Wert ihres Herrn und Meisters sichtbar und riechbar. Stattdessen stellen die Jünger „Wertvernichtung“ fest. Sie rechnen’s durch und sagen: „Brot für die Welt“ wäre besser gewesen als Parfüm für Jesus. Für das Geld hätte man einige Tausend Arme speisen können.

Die Diskussion, die gerade in Deutschland aufkeimt, läuft nicht unähnlich. Wir setzen alles dran, um in der Corona-Krise Menschenleben zu retten. Aber das hat einen hohen ökonomischen Preis. Kritiker fangen schon an durchzurechnen: Wie viele wirtschaftliche Pleiten wollen wir in Kauf nehmen, um das Leben von einigen Alten und Schwachen zu retten? Eine schlimme Diskussion. Genauso zynisch wie die Überlegungen, die damals die Jünger Jesu ausgesprochen haben. Sie zeigen mit dem Finger auf die Frau, aber in Wirklichkeit haben sie selbst ein dickes Problem.

Das machen wir gerne, dass wir von uns ablenken und auf andere zeigen. Die Herzen der Jünger sind nicht auf Hingabe eingestellt. Ich würde nicht sagen, dass sie emotionslos oder kalt gegenüber Jesus waren. Aber sie haben höchstwahrscheinlich noch eine ganz andere Rechnung aufgemacht, die ihnen viel wichtiger erscheint: An diesem Passafest soll Jesus die Entscheidung in Jerusalem herbeizwingen. Er ist der Messias. Er soll alles neu machen. Und dazu – so sagten sich einige seine Jünger – brauchen wir all unsere Kräfte. Wir benötigen sämtliche verfügbaren Mittel für die Machtergreifung: „Man hätte dieses Öl für mehr als 300 Silberlinge verkaufen und es den Armen geben können. Dann wären die auf unserer Seite.“

Jesus durchschaut das und weist die Jünger zurecht: „Warum stellt ihr das, was diese Frau für mich getan hat, in Frage und macht sie zur Schnecke. Armenhilfe ist gut. Aber jetzt ist noch Zeit, mich zu ehren, mich zu stärken, mich zu trösten.“

Jesus hatte es seinen Jüngern klar angesagt: Ich werde in Jerusalem mein Leben lassen. Denn was unter uns Menschen gilt, das gilt noch viel mehr für Gott: Wahre Liebe gibt. Sie rechnet nicht: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh 3,16). Jesus spricht es auch an diesem Abend aus: Nicht Ruhm und Ehre und Triumph warten in Jerusalem auf mich, sondern Leiden, Kreuz und Tod. Das ist die Liebestat Gottes: Er gibt den Sohn dahin. Er gibt alles für uns.

 

3. Alles für Jesus und für einander

Wir kennen dieses Lied: Ins Wasser fällt ein Stein… Es singt von der Liebe Gottes, die klein anfängt und dann große Kreise zieht: Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt. Die Liebestat Gottes, der seinen Sohn dahingibt, die steckt uns an zur Nächstenliebe.

Die Liebe zu Jesus macht mich frei, anderen zu dienen. Jesus hat das seinen Freunden ins Stammbuch geschrieben: Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun. Und im gleichen Atemzug lobt er die ganz große, liebevolle Hingabe der Maria: Wo das Evangelium gepredigt wird, da wird man auch erzählen, was sie mir getan hat.

 

Einen gesegneten Palmsonntag wünscht Euch Euer Andreas Taut

 

1. Ins Wasser fällt ein Stein ganz heimlich, still und leise,

und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.

Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt,

da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt.

2. Ein Funke, kaum zu sehn, entfacht doch helle Flammen,

und die im Dunkeln stehn, die ruft der Schein zusammen.

Wo Gottes große Liebe in einem Menschen brennt,

da wird die Welt vom Licht erhellt, da bleibt nichts, was und trennt.

3. Nimm Gottes Liebe an. Du brauchst dich nicht allein zu mühn,

denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn.

Und füllt sie erst dein Leben, und setzt sie dich in Brand,

gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.

 

 

 

 

Lesepredigt für Sonntag, den 29. März 2020 - Hebräer 13,14

 

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Doch!“, könnte man in diesen Tagen antworten. „Wir müssen in unserer Stadt bleiben, wir hocken in unserem Dorf fest.“ Ausgehen oder gar irgendwelche Reisen sind nicht angesagt in Corona-Zeiten.

Das scheint für junge Leute derzeit ein noch größeres Problem zu sein als für die Älteren. Sie lieben die Abwechslung, sie lieben das Leben. Ja, im Grunde brauchen sie veränderte Lebenswelten, um ihren Horizont zu erweitern und fürs Leben gerüstet zu sein. Wer immer nur an einem Ort hängen bleibt, wer nicht wenigstens einmal in jungen Jahren „auf die Walz geht“, wie das die Handwerksgesellen früher getan haben, dem fehlt eine wichtige Erfahrung. Jetzt aber bleiben viele Studenten zu Hause, Schüleraustausch wird abgesagt, und Klassenfahrten sind bis zu den Sommerferien gestrichen.

 

1. Alles ist im Fluss

Wir haben hier keine bleibende Stadt… Das Spannende an diesem Bibelvers: Er wirkt auf ältere Menschen ganz anders, als auf jüngere. Denn je älter wir werden, desto mehr begreifen wir: Das stimmt! Wir können nicht verweilen, obwohl wir’s gerne täten. Leider ist alles ist im Fluss. Wir sind nur Gäste, Reisende durch die Zeit. Die Tage, als unsere Kinder noch klein waren, als wir sie noch an der Hand führten, als sie mit dem Puppenwagen spielten, als sie mit glühenden Ohren zugehört haben beim Vorlesen.... Diese schönen Zeiten, die manchmal auch anstrengend waren – wir können sie nicht zurückholen.

Je älter wir werden, desto mehr würden wir uns wünschen, dass alles bleibt, wie es ist. Die Menschen um uns herum, die Beziehungen, die unser Leben tragen. Die Gesundheit. Der Beruf, in dem wir gerne arbeiten. Unser Zuhause und unsere Wohnung. Wir möchten doch irgendwo beheimatet sein.

Aber wenn wir ehrlich sind, dann lehrt uns das Leben etwas anderes: Nirgends können wir für immer bleiben. Im Bauch der Mutter wurde es zu eng, wir konnten nicht bleiben. Aus dem Elternhaus sind wir herausgewachsen, wir konnten dort nicht bleiben. Und wer weiß, wie lange wir in unseren eigenen vier Wänden bleiben können, wenn wir einmal pflegebedürftig werden. Früher oder später erkennen wir, dass wir überhaupt nicht auf dieser Welt bleiben können. Unser Leben ist kein Zustand, sondern ein Weg, den wir zurücklegen.

Wir haben hier keine bleibende Stadt. – Je älter wir werden, desto mehr erkennen wir die nüchterne Wirklichkeit, die aus diesem Satz spricht. In der Zeitung stehen die Todesanzeigen abgedruckt. Es ist ganz offensichtlich: Alles ist vergänglich, und das ängstigt uns.

 

2. Wer glaubt ist in Bewegung

Das Bibelwort beschreibt also unser kurzes Leben ziemlich genau: Wir haben hier keine bleibende Stadt. Zugleich spricht es aber von einer großen Hoffnung: … die zukünftige suchen wir. Und hier könnten alle Älteren von den Jüngeren lernen. Denn für die ist der Gedanke an Veränderung nicht bedrohlich. Sie lieben die Herausforderung. Sie wollen aufbrechen und sich auf die Suche machen. Sie wollen etwas Neues wagen und weitergehen. Wer sich nicht bewegt, der erstarrt.

Das gilt auch für den Glauben. Wenn wir auf unserem Lebensweg nicht stehen bleiben können, dann könnten wir auch im Glauben nicht verharren. Denn der Glaube ist eine wichtige Dimension unseres Lebens.

Das ist heutzutage eine steile Behauptung, wo viele sagen: „Ich kann auch ohne Glauben auskommen.“ Das Bild von der „Lebenshand“, das dem englischen Dichterfürsten William Shakespeare zugeschrieben wird, behauptet das Gegenteil: Der Mensch ist ein religiöses Wesen, und der Glaube gehört zum Leben dazu. Fünf Finger sind an deiner Lebenshand. Arbeit – Essen – der Schlaf – Freizeit und Spiel – und der Glaube. Das heißt der Glaube ist eine unverzichtbare Dimension unseres Lebens. Ohne Glauben schafft die Lebenshand – um im Bild zu bleiben – nur mit vier Fingern. Wenn wir’s ausprobieren, werden wir merken, wie schwer das ist, einen Finger einzuklappen und dann mit dieser Hand was zu schaffen. Zum Beispiel Holz zu hacken, oder mit einer Bratpfanne zu hantieren.

In allen Dimensionen unseres Lebens müssen wir beweglich bleiben. Auf Veränderungen sollten wir flexibel reagieren. Das erleben wir in diesen merkwürdigen Krisen-Tagen wie selten sonst. Auch im Glaubensleben darf es keinen Stillstand geben. Zurzeit müssen wir es völlig neu organisieren. Wenn wir uns als Gemeinde nicht mehr treffen können, müssen wir verstärkt lesen oder audio-visuelle Medien nützen. Glaube ist kein Zustand, der starr ist wie eine Eisfläche im Winter, sondern ein Weg, auf dem wir beständig weitergehen. Es ist gut, wenn wir immer wieder aufbrechen, neue Schritte im Glauben wagen und etwas dazulernen.

So beginnt auch die Heilsgeschichte. Abraham wagt neue Schritte, als Gott ihm aufträgt: „Geh aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft in ein Land, das ich dir zeigen werde.“

So hat auch Jesus die Fischer vom See Genezareth aus ihrem Lebensumfeld herausgerufen und in Bewegung gesetzt. Er hat ihnen eine neue Aufgabe gegeben und hat sie neue Wege geschickt: „Gehet hin und lehret alle Völker…“

 

3. Jesus ist das Ziel

Nun ist natürlich die entscheidende Frage jedes Weges: Wo geht’s hin? Was ist das Ziel? Wir könnten uns einfach treiben lassen in der Hoffnung, dass uns das Leben schon an ein schönes Plätzchen spülen wird. Aber ob das gut geht? Hier im Hebräerbrief steht es anders: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Wir sollen also aktiv werden und uns auf die Suche machen.

Wer einen Weg sucht, der hat heutzutage keine großen Probleme mehr: Smartphone raus. Google maps anklicken. Zieleingabe, und dann das kleine Ding rechnen lassen. Aber versuchen wir mal, „Ziel des Lebens“ einzugeben. Da gibt’s keinen Rechner dafür. Die Suche nach Lebenszielen oder gar nach dem Ziel des Lebens ist nicht so einfach.

Als Kinder hatten wir Begleiter und Anleiter, die uns geholfen haben, Lebensziele zu erreichen bis wir erwachsen wurden: Eltern, Lehrer, Freunde. Wenn es nun um das große Ziel des Lebens geht, dann kann uns die Bibel anleiten. Denn Gott will uns helfen, durch sein Wort das Lebensziel zu finden. Dabei merken wir schnell: Dieses Ziel ist nicht ein Ort, das Paradies oder die goldenen Gassen im himmlische Jerusalem. Das Ziel ist eine Person. Die Bibel möchte uns zu einer Begegnung ermutigen. Jesus Christus kommt uns entgegen und lädt uns ein: „Komm und folge mir nach!“

Als Jesus einmal gefragt wurde: Wie ist das eigentlich mit dem Reich Gottes, müssen wir da noch lange warten? Da antwortete Jesus: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (vgl. Lukas 17,20ff). Es ist schon da, es reicht mitten in diese Welt hinein. Wir müssen also nicht Däumchen drehen und auf den Jüngsten Tag warten bis Jesus sichtbar wiederkommt. Die zukünftige Stadt, sein ewiges Reich hat schon angefangen. Da kann ich jetzt schon mitmachen.

Das ist auch der Grund, warum Christen nach Corona nicht im Wohnzimmersessel hocken bleiben, sondern sich wieder aufmachen werden. Auf dem Weg zur himmlischen Stadt gehen wir heute schon die nächsten Schritte.

 

Mit einem herzlichen „Gott befohlen“ grüßt Euch

Euer Pfarrer Andreas Taut

 

Ein Tag der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern

zur großen Ewigkeit.

O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne,

mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, EG 481,5)

Nicht gehaltene Predigt für Sonntag 22. März 2020 Jesaja 66,13

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Was für ein Bild! Der allmächtige Gott lässt sich herab und tröstet seine Kinder: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Trost können wir gerade alle gut brauchen. Wir leben im Corona-Ausnahmezustand. Konfirmationen sind abgesagt, Hochzeitsfeste fallen aus, Beerdigungen dürfen nur noch im kleinsten Kreis gehalten werden. Unsere Kontakte müssen wir jetzt noch viel mehr als vorher per Telefon pflegen oder digital. Und keiner weiß, was noch kommen wird. Keiner wagt eine Prognose, wie lange dieser Zustand dauern wird. Wer hätte das vor zwei Wochen gedacht, dass Gottesdienste „verboten“ werden. Einige über Achtzigjährige haben mir in den letzten Tagen gesagt: „So was haben wir noch nie erlebt.“

 

1. Wie wir Trost spenden können

 

Der „Trost“ hat immer zwei Seiten: Eine passive und eine aktive. Wir brauchen Trost, aber wir können selbst auch Trost spenden.

Sogar Kinder können das, zum Beispiel wenn sie jüngere Geschwister haben. Eine große Schwester tröstet ihren kleineren Bruder, wenn der durch eine falsche Bewegung seine Eiskugel auf der Straße verloren hat. Unter Geschwistern lernt man „soziale Kompetenz“. Du siehst nicht nur Dich und wie es Dir geht. Du bist in der Lage, Dich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und wahrzunehmen, wie es dem anderen grade so geht. Ob er Deine Hilfe braucht, wie Du ihn ermutigen kannst.

Darauf wird es jetzt in der Krise ankommen, dass wir trotz aller Einschränkungen, trotz Abstand-Haltens und „social distancing“ den anderen nicht aus den Augen verlieren. Es kommt darauf an, dass wir soziale Kompetenz erlernen und erkennen, wie wir den hart Betroffenen helfen und sie trösten können. Ein Einkauf für die alte Nachbarin. Ein Blumengruß für den, der keinen Angehörigen im Haus hat. Ein Gartenplatz für die Mutter mit ihren kleinen Kindern.

 

2. Sind wir noch ganz bei Trost?

 

Nach allem, was die Fachleute voraussagen, liegen schwere Wochen und Monate vor uns. Denn was uns sonst am meisten Trost und Halt gegeben hat, nämlich die Beziehungen zu unseren Familienangehörigen und zu unseren Freunden, ist einer großen Belastungsprobe ausgesetzt. Eltern sitzen mit ihren Kindern auf engem Wohnraum zusammen. Die Großeltern können gar nicht mehr besucht werden. Persönliche Kontakte zu den Freunden werden immer stärker eingeschränkt. Halten wir das aus, oder fällt uns bald die Decke auf den Kopf?

Sind wir noch ganz bei Trost? – fragen wir und sehen an dieser sprachlichen Wendung, dass „Trost“ viel mehr bedeutet als „vertrösten“. Wenn wir auf bessere Umstände im Sommer hoffen, dann vertrösten wir uns auf die Zukunft. „Ganz bei Trost“ sind wir erst dann, wenn wir uns jetzt und heute nicht mehr vom Leiden und von den furchterregenden Ereignissen überwältigen lassen. Das geht nur, wenn wir eine geistige Abkehr von der schlimmen Not hinbekommen, die uns betroffen hat. Wir brauchen eine geistliche Veränderung, um in der Not getröstet leben zu können. Ein Kind mit aufgeschürften Knien rennt in die Arme der Mutter. Und die Mutter kann ihr weinendes Kind trösten und beruhigen. Obwohl die Knie noch längst nicht heil sind, hat sich der Seelenzustand des Kindes vom Schock und der Verzweiflung in eine innere Ruhe verwandelt.

Jesus ist in unsere heillose Welt gekommen, um so eine Veränderung des Seelenzustandes herbeizuführen. Er ist immer wieder persönlich auf die Menschen zugegangen. Er war für sie da. Er tröstete Aussätzige und Verachtete. Er tröstete Arme und Einsame. Er tröstete Trauernde und Verzweifelte. Ja, er tröstete ganz besonders seine Jünger, die ihm vertrauten und am Ende doch sehr verunsichert waren. Jesus sagte ihnen (Joh 16,33): „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

3. Der beste Trost kommt von der Mutter

 

Trösten geht am besten von Angesicht zu Angesicht. Und deshalb werden wir noch Tränen vergießen, weil Begegnungen zurzeit nur sehr eingeschränkt möglich sind. Der Trost ist etwas sehr Persönliches. Kein Wunder, dass der Prophet Jesaja für den Trost Gottes das Bild von der Mutter verwendet, die ihr Kind tröstet. Das ist die innigste und persönlichste Beziehung, die wir aus unserer Menschenwelt kennen.

Im Konfirmandenunterricht habe ich einmal nachgefragt, ob Gott nicht besser eine andere Ansage gemacht hätte: „Ich will euch trösten, wie einen sein Vater tröstet.“ Schließlich hat Jesus uns diesen wunderbaren himmlischen Vater ganz oft vorgestellt. Jesus hat das Gleichnis vom barmherzigen Vater erzählt, der den verlorenen Sohn in die Arme schließt. Er hat seine Jünger gelehrt, wie sie beten sollen: Unser Vater im Himmel…

Aber die Konfirmanden haben sich auf diesen Vorschlag nicht eingelassen und gesagt: „Mütter können besser trösten.“ – Ja, das ist das stärkste Trostbild. Es ist unübertroffen und deshalb gerade recht, damit wir endlich kapieren: Gott steht auf unserer Seite, wir sind ihm wichtig, er will für uns da sein in guten und in schweren Zeiten. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

4. Wie uns Gott tröstet

 

Aber wie will uns der unwandelbare und ewige Gott nun trösten. Wie will er uns Mut machen? Wie bekommen wir Halt, in den Tagen der Anfechtung? Unser Bibelwort sagt ja nur: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Schön, und diese Worte sind in der Lutherbibel auch noch fett gedruckt. Aber wie soll denn das gehen?

Ich hab’s selbst lange nicht gesehen, was dieses einzigartige Bibelwort aus dem Jesajabuch ganz konkret meint. Bis ich von einem alten Lehrer einen einfachen aber entscheidenden Tipp bekommen habe. Er sagte: Lesen Sie mal, was da in Jesaja 66 Vers 13 noch steht. Lesen sie nicht nur das fett Gedruckte, sondern den ganzen Vers. Das hab ich dann gemacht. Und tatsächlich, da steht noch mehr:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Und damit war alles klar. Denn „Jerusalem“ ist in der Bibel eine Chiffre für die Gemeinde. Die Bezeichnung „Jerusalem“ steht für all die Menschen, die Gott vertrauen. Jerusalem, der Zion, das ist die Versammlung der Gläubigen, die im Alten Testament auf den Messias wartet, und seit den Tagen des Neuen Testaments in Jesus den Messias und Heiland Gottes erkannt hat. Diese Gemeinde gibt es auf der ganzen Welt. Sie ist auch noch da, wenn die Kirchen geschlossen bleiben. Denn sie wird durch den Glauben zusammengehalten.

Eine Frau, die durch persönliches Leid tief getroffen war, sagte mir einmal: „Ich komme noch in den Gottesdienst, obwohl ich das Vaterunser nicht mehr mitbeten kann. Aber es ist für mich ein unglaublicher Trost, dass um mich herum das Vaterunser gebetet wird.“

Darauf wird es ankommen, dass wir trotz der Versammlungsverbote, die jetzt mehrere Wochen gehen werden, noch zusammenhalten im Gebet und im Glauben an Jesus. Vielleicht hilft es uns, dass wir zur Ermutigung und zum Trost am Sonntagmorgen für uns eine Glocke im Turm der Stephanuskirche läuten wird.

 

Mit einem herzlichen Gott befohlen grüßt Euch

Euer Pfarrer Andreas Taut