Lesepredigt für Sonntag, den 29. März 2020 - Hebräer 13,14

 

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Doch!“, könnte man in diesen Tagen antworten. „Wir müssen in unserer Stadt bleiben, wir hocken in unserem Dorf fest.“ Ausgehen oder gar irgendwelche Reisen sind nicht angesagt in Corona-Zeiten.

Das scheint für junge Leute derzeit ein noch größeres Problem zu sein als für die Älteren. Sie lieben die Abwechslung, sie lieben das Leben. Ja, im Grunde brauchen sie veränderte Lebenswelten, um ihren Horizont zu erweitern und fürs Leben gerüstet zu sein. Wer immer nur an einem Ort hängen bleibt, wer nicht wenigstens einmal in jungen Jahren „auf die Walz geht“, wie das die Handwerksgesellen früher getan haben, dem fehlt eine wichtige Erfahrung. Jetzt aber bleiben viele Studenten zu Hause, Schüleraustausch wird abgesagt, und Klassenfahrten sind bis zu den Sommerferien gestrichen.

 

1. Alles ist im Fluss

Wir haben hier keine bleibende Stadt… Das Spannende an diesem Bibelvers: Er wirkt auf ältere Menschen ganz anders, als auf jüngere. Denn je älter wir werden, desto mehr begreifen wir: Das stimmt! Wir können nicht verweilen, obwohl wir’s gerne täten. Leider ist alles ist im Fluss. Wir sind nur Gäste, Reisende durch die Zeit. Die Tage, als unsere Kinder noch klein waren, als wir sie noch an der Hand führten, als sie mit dem Puppenwagen spielten, als sie mit glühenden Ohren zugehört haben beim Vorlesen.... Diese schönen Zeiten, die manchmal auch anstrengend waren – wir können sie nicht zurückholen.

Je älter wir werden, desto mehr würden wir uns wünschen, dass alles bleibt, wie es ist. Die Menschen um uns herum, die Beziehungen, die unser Leben tragen. Die Gesundheit. Der Beruf, in dem wir gerne arbeiten. Unser Zuhause und unsere Wohnung. Wir möchten doch irgendwo beheimatet sein.

Aber wenn wir ehrlich sind, dann lehrt uns das Leben etwas anderes: Nirgends können wir für immer bleiben. Im Bauch der Mutter wurde es zu eng, wir konnten nicht bleiben. Aus dem Elternhaus sind wir herausgewachsen, wir konnten dort nicht bleiben. Und wer weiß, wie lange wir in unseren eigenen vier Wänden bleiben können, wenn wir einmal pflegebedürftig werden. Früher oder später erkennen wir, dass wir überhaupt nicht auf dieser Welt bleiben können. Unser Leben ist kein Zustand, sondern ein Weg, den wir zurücklegen.

Wir haben hier keine bleibende Stadt. – Je älter wir werden, desto mehr erkennen wir die nüchterne Wirklichkeit, die aus diesem Satz spricht. In der Zeitung stehen die Todesanzeigen abgedruckt. Es ist ganz offensichtlich: Alles ist vergänglich, und das ängstigt uns.

 

2. Wer glaubt ist in Bewegung

Das Bibelwort beschreibt also unser kurzes Leben ziemlich genau: Wir haben hier keine bleibende Stadt. Zugleich spricht es aber von einer großen Hoffnung: … die zukünftige suchen wir. Und hier könnten alle Älteren von den Jüngeren lernen. Denn für die ist der Gedanke an Veränderung nicht bedrohlich. Sie lieben die Herausforderung. Sie wollen aufbrechen und sich auf die Suche machen. Sie wollen etwas Neues wagen und weitergehen. Wer sich nicht bewegt, der erstarrt.

Das gilt auch für den Glauben. Wenn wir auf unserem Lebensweg nicht stehen bleiben können, dann könnten wir auch im Glauben nicht verharren. Denn der Glaube ist eine wichtige Dimension unseres Lebens.

Das ist heutzutage eine steile Behauptung, wo viele sagen: „Ich kann auch ohne Glauben auskommen.“ Das Bild von der „Lebenshand“, das dem englischen Dichterfürsten William Shakespeare zugeschrieben wird, behauptet das Gegenteil: Der Mensch ist ein religiöses Wesen, und der Glaube gehört zum Leben dazu. Fünf Finger sind an deiner Lebenshand. Arbeit – Essen – der Schlaf – Freizeit und Spiel – und der Glaube. Das heißt der Glaube ist eine unverzichtbare Dimension unseres Lebens. Ohne Glauben schafft die Lebenshand – um im Bild zu bleiben – nur mit vier Fingern. Wenn wir’s ausprobieren, werden wir merken, wie schwer das ist, einen Finger einzuklappen und dann mit dieser Hand was zu schaffen. Zum Beispiel Holz zu hacken, oder mit einer Bratpfanne zu hantieren.

In allen Dimensionen unseres Lebens müssen wir beweglich bleiben. Auf Veränderungen sollten wir flexibel reagieren. Das erleben wir in diesen merkwürdigen Krisen-Tagen wie selten sonst. Auch im Glaubensleben darf es keinen Stillstand geben. Zurzeit müssen wir es völlig neu organisieren. Wenn wir uns als Gemeinde nicht mehr treffen können, müssen wir verstärkt lesen oder audio-visuelle Medien nützen. Glaube ist kein Zustand, der starr ist wie eine Eisfläche im Winter, sondern ein Weg, auf dem wir beständig weitergehen. Es ist gut, wenn wir immer wieder aufbrechen, neue Schritte im Glauben wagen und etwas dazulernen.

So beginnt auch die Heilsgeschichte. Abraham wagt neue Schritte, als Gott ihm aufträgt: „Geh aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft in ein Land, das ich dir zeigen werde.“

So hat auch Jesus die Fischer vom See Genezareth aus ihrem Lebensumfeld herausgerufen und in Bewegung gesetzt. Er hat ihnen eine neue Aufgabe gegeben und hat sie neue Wege geschickt: „Gehet hin und lehret alle Völker…“

 

3. Jesus ist das Ziel

Nun ist natürlich die entscheidende Frage jedes Weges: Wo geht’s hin? Was ist das Ziel? Wir könnten uns einfach treiben lassen in der Hoffnung, dass uns das Leben schon an ein schönes Plätzchen spülen wird. Aber ob das gut geht? Hier im Hebräerbrief steht es anders: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Wir sollen also aktiv werden und uns auf die Suche machen.

Wer einen Weg sucht, der hat heutzutage keine großen Probleme mehr: Smartphone raus. Google maps anklicken. Zieleingabe, und dann das kleine Ding rechnen lassen. Aber versuchen wir mal, „Ziel des Lebens“ einzugeben. Da gibt’s keinen Rechner dafür. Die Suche nach Lebenszielen oder gar nach dem Ziel des Lebens ist nicht so einfach.

Als Kinder hatten wir Begleiter und Anleiter, die uns geholfen haben, Lebensziele zu erreichen bis wir erwachsen wurden: Eltern, Lehrer, Freunde. Wenn es nun um das große Ziel des Lebens geht, dann kann uns die Bibel anleiten. Denn Gott will uns helfen, durch sein Wort das Lebensziel zu finden. Dabei merken wir schnell: Dieses Ziel ist nicht ein Ort, das Paradies oder die goldenen Gassen im himmlische Jerusalem. Das Ziel ist eine Person. Die Bibel möchte uns zu einer Begegnung ermutigen. Jesus Christus kommt uns entgegen und lädt uns ein: „Komm und folge mir nach!“

Als Jesus einmal gefragt wurde: Wie ist das eigentlich mit dem Reich Gottes, müssen wir da noch lange warten? Da antwortete Jesus: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (vgl. Lukas 17,20ff). Es ist schon da, es reicht mitten in diese Welt hinein. Wir müssen also nicht Däumchen drehen und auf den Jüngsten Tag warten bis Jesus sichtbar wiederkommt. Die zukünftige Stadt, sein ewiges Reich hat schon angefangen. Da kann ich jetzt schon mitmachen.

Das ist auch der Grund, warum Christen nach Corona nicht im Wohnzimmersessel hocken bleiben, sondern sich wieder aufmachen werden. Auf dem Weg zur himmlischen Stadt gehen wir heute schon die nächsten Schritte.

 

Mit einem herzlichen „Gott befohlen“ grüßt Euch

Euer Pfarrer Andreas Taut

 

Ein Tag der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern

zur großen Ewigkeit.

O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne,

mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

(Gerhard Tersteegen, EG 481,5)

Nicht gehaltene Predigt für Sonntag 22. März 2020 Jesaja 66,13

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Was für ein Bild! Der allmächtige Gott lässt sich herab und tröstet seine Kinder: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Trost können wir gerade alle gut brauchen. Wir leben im Corona-Ausnahmezustand. Konfirmationen sind abgesagt, Hochzeitsfeste fallen aus, Beerdigungen dürfen nur noch im kleinsten Kreis gehalten werden. Unsere Kontakte müssen wir jetzt noch viel mehr als vorher per Telefon pflegen oder digital. Und keiner weiß, was noch kommen wird. Keiner wagt eine Prognose, wie lange dieser Zustand dauern wird. Wer hätte das vor zwei Wochen gedacht, dass Gottesdienste „verboten“ werden. Einige über Achtzigjährige haben mir in den letzten Tagen gesagt: „So was haben wir noch nie erlebt.“

 

1. Wie wir Trost spenden können

 

Der „Trost“ hat immer zwei Seiten: Eine passive und eine aktive. Wir brauchen Trost, aber wir können selbst auch Trost spenden.

Sogar Kinder können das, zum Beispiel wenn sie jüngere Geschwister haben. Eine große Schwester tröstet ihren kleineren Bruder, wenn der durch eine falsche Bewegung seine Eiskugel auf der Straße verloren hat. Unter Geschwistern lernt man „soziale Kompetenz“. Du siehst nicht nur Dich und wie es Dir geht. Du bist in der Lage, Dich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und wahrzunehmen, wie es dem anderen grade so geht. Ob er Deine Hilfe braucht, wie Du ihn ermutigen kannst.

Darauf wird es jetzt in der Krise ankommen, dass wir trotz aller Einschränkungen, trotz Abstand-Haltens und „social distancing“ den anderen nicht aus den Augen verlieren. Es kommt darauf an, dass wir soziale Kompetenz erlernen und erkennen, wie wir den hart Betroffenen helfen und sie trösten können. Ein Einkauf für die alte Nachbarin. Ein Blumengruß für den, der keinen Angehörigen im Haus hat. Ein Gartenplatz für die Mutter mit ihren kleinen Kindern.

 

2. Sind wir noch ganz bei Trost?

 

Nach allem, was die Fachleute voraussagen, liegen schwere Wochen und Monate vor uns. Denn was uns sonst am meisten Trost und Halt gegeben hat, nämlich die Beziehungen zu unseren Familienangehörigen und zu unseren Freunden, ist einer großen Belastungsprobe ausgesetzt. Eltern sitzen mit ihren Kindern auf engem Wohnraum zusammen. Die Großeltern können gar nicht mehr besucht werden. Persönliche Kontakte zu den Freunden werden immer stärker eingeschränkt. Halten wir das aus, oder fällt uns bald die Decke auf den Kopf?

Sind wir noch ganz bei Trost? – fragen wir und sehen an dieser sprachlichen Wendung, dass „Trost“ viel mehr bedeutet als „vertrösten“. Wenn wir auf bessere Umstände im Sommer hoffen, dann vertrösten wir uns auf die Zukunft. „Ganz bei Trost“ sind wir erst dann, wenn wir uns jetzt und heute nicht mehr vom Leiden und von den furchterregenden Ereignissen überwältigen lassen. Das geht nur, wenn wir eine geistige Abkehr von der schlimmen Not hinbekommen, die uns betroffen hat. Wir brauchen eine geistliche Veränderung, um in der Not getröstet leben zu können. Ein Kind mit aufgeschürften Knien rennt in die Arme der Mutter. Und die Mutter kann ihr weinendes Kind trösten und beruhigen. Obwohl die Knie noch längst nicht heil sind, hat sich der Seelenzustand des Kindes vom Schock und der Verzweiflung in eine innere Ruhe verwandelt.

Jesus ist in unsere heillose Welt gekommen, um so eine Veränderung des Seelenzustandes herbeizuführen. Er ist immer wieder persönlich auf die Menschen zugegangen. Er war für sie da. Er tröstete Aussätzige und Verachtete. Er tröstete Arme und Einsame. Er tröstete Trauernde und Verzweifelte. Ja, er tröstete ganz besonders seine Jünger, die ihm vertrauten und am Ende doch sehr verunsichert waren. Jesus sagte ihnen (Joh 16,33): „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

3. Der beste Trost kommt von der Mutter

 

Trösten geht am besten von Angesicht zu Angesicht. Und deshalb werden wir noch Tränen vergießen, weil Begegnungen zurzeit nur sehr eingeschränkt möglich sind. Der Trost ist etwas sehr Persönliches. Kein Wunder, dass der Prophet Jesaja für den Trost Gottes das Bild von der Mutter verwendet, die ihr Kind tröstet. Das ist die innigste und persönlichste Beziehung, die wir aus unserer Menschenwelt kennen.

Im Konfirmandenunterricht habe ich einmal nachgefragt, ob Gott nicht besser eine andere Ansage gemacht hätte: „Ich will euch trösten, wie einen sein Vater tröstet.“ Schließlich hat Jesus uns diesen wunderbaren himmlischen Vater ganz oft vorgestellt. Jesus hat das Gleichnis vom barmherzigen Vater erzählt, der den verlorenen Sohn in die Arme schließt. Er hat seine Jünger gelehrt, wie sie beten sollen: Unser Vater im Himmel…

Aber die Konfirmanden haben sich auf diesen Vorschlag nicht eingelassen und gesagt: „Mütter können besser trösten.“ – Ja, das ist das stärkste Trostbild. Es ist unübertroffen und deshalb gerade recht, damit wir endlich kapieren: Gott steht auf unserer Seite, wir sind ihm wichtig, er will für uns da sein in guten und in schweren Zeiten. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

 

4. Wie uns Gott tröstet

 

Aber wie will uns der unwandelbare und ewige Gott nun trösten. Wie will er uns Mut machen? Wie bekommen wir Halt, in den Tagen der Anfechtung? Unser Bibelwort sagt ja nur: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Schön, und diese Worte sind in der Lutherbibel auch noch fett gedruckt. Aber wie soll denn das gehen?

Ich hab’s selbst lange nicht gesehen, was dieses einzigartige Bibelwort aus dem Jesajabuch ganz konkret meint. Bis ich von einem alten Lehrer einen einfachen aber entscheidenden Tipp bekommen habe. Er sagte: Lesen Sie mal, was da in Jesaja 66 Vers 13 noch steht. Lesen sie nicht nur das fett Gedruckte, sondern den ganzen Vers. Das hab ich dann gemacht. Und tatsächlich, da steht noch mehr:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Und damit war alles klar. Denn „Jerusalem“ ist in der Bibel eine Chiffre für die Gemeinde. Die Bezeichnung „Jerusalem“ steht für all die Menschen, die Gott vertrauen. Jerusalem, der Zion, das ist die Versammlung der Gläubigen, die im Alten Testament auf den Messias wartet, und seit den Tagen des Neuen Testaments in Jesus den Messias und Heiland Gottes erkannt hat. Diese Gemeinde gibt es auf der ganzen Welt. Sie ist auch noch da, wenn die Kirchen geschlossen bleiben. Denn sie wird durch den Glauben zusammengehalten.

Eine Frau, die durch persönliches Leid tief getroffen war, sagte mir einmal: „Ich komme noch in den Gottesdienst, obwohl ich das Vaterunser nicht mehr mitbeten kann. Aber es ist für mich ein unglaublicher Trost, dass um mich herum das Vaterunser gebetet wird.“

Darauf wird es ankommen, dass wir trotz der Versammlungsverbote, die jetzt mehrere Wochen gehen werden, noch zusammenhalten im Gebet und im Glauben an Jesus. Vielleicht hilft es uns, dass wir zur Ermutigung und zum Trost am Sonntagmorgen für uns eine Glocke im Turm der Stephanuskirche läuten wird.

 

Mit einem herzlichen Gott befohlen grüßt Euch

Euer Pfarrer Andreas Taut