Jesus reitet auf einem Esel nach Jerusalem

Da nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen:

„Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“

(Johannes 12,13)

 

Als die Menschen vor den Toren Jerusalems standen und Jesus sahen, bejubelten sie ihn wie einen Pop-Star. Dass er auf einem Esel in die Stadt ritt, löste drei Assoziationen bei den Zuschauern aus:

Erstens erinnerten sich die Leute an den traditionellen Einzug der Könige in früheren Zeiten. Die Könige waren bei ihrer Inthronisationsfeier immer auf einem Maultier von der Quelle hinauf zur Stadt und in den Tempel geritten.

Zweitens legte sich ein Vergleich nahe mit dem Einzug des römischen Statthalters Pontius Pilatus, der wenige Tage vor Jesus in Jerusalem angekommen war. Aber hoch zu Ross, begleitet von Fanfaren und einer schwerbewaffneten Leibgarde.

Drittens ahnten manche der Zuschauer, dass sich mit Jesu Einzug nach Jerusalem die uralte prophetische Verheißung vom Friedenskönig erfüllen könnte:

 

Du, Tochter Zion, freue dich sehr,

und du Tochter Jerusalem, jauchze!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer,

arm und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen der Eselin.

(Sacharja 9,9)

 

 

 

Wer kennt diesen merkwürdigen Brauch noch von früher? Das Familienmitglied, das am Morgen des Palmsonntags als letztes aufsteht, wird als „Palmesel“ gehänselt. Auf einem echten Esel ritt im Mittelalter der Dorfpfarrer durch die Gassen, um die Palmsonntagsprozession anzuführen. Weil aber Esel zuweilen störrisch sind, oder vielleicht die Pfarrer schlechte Reiter waren, hat man später lieber fahrbare Palmesel-Figuren in der Prozession durch das Dorf gezogen. In Süddeutschland haben sich noch einige dieser hölzernen Palmesel erhalten. Der oben abgebildete ist aus Straßburg. In Erinnerung an das störrische Reittier wurde „Palmesel“ zum geflügelten Wort für Menschen mit ähnlich ungebührlichem Verhalten.

 

 

 

Die Salbung in Bethanien

„Was soll diese Vergeudung des Salböls?“ fragten die Gäste, als der Wohlgeruch des Parfüms das Speisezimmer erfüllte. Beim Salbenhändler hätte man dafür 300 Silberlinge erlösen können, was in biblischer Zeit dem Jahresverdienst eines Arbeiters entsprach. Warum tadelt Jesus diese Frau nicht für ihre unglaublich verschwenderische Sponti-Aktion. Man hätte dieses Öl verkaufen und das Geld für die Armen spenden können. Der Zeichner Felix Hoffmann hat auf seinem Bild den Unmut der Tischgäste und das Missfallen der Schwester festgehalten.

Jesus aber nimmt die Frau in Schutz: „Lasst sie in Frieden! Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis“ (vgl. Markus 14,6-8).

Das letzte Abendmahl

Vom letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, wurden unzählige Bilder gemalt oder fotographisch gestaltet. Vorbild ist sehr oft Leonardo da Vincis geradezu „ikonisches“ Wandfresko gewesen, das in einem Kloster in Mailand besichtigt werden kann. Nicht ganz so berühmt, aber mindestens ebenso eindrücklich ist „Das letzte Abendmahl“, das der sächsische Maler Fritz von Uhde 1886 gemalt hat und das von Zeit zu Zeit in der Staatsgalerie in Stuttgart ausgestellt ist.

 

Auf dem Bildausschnitt sind einige der Jünger zu erkennen, die mit Jesus am Tisch sitzen. In ihren Gesichtszügen ist Überraschung und Entsetzen, Hingabe und Unverständnis zu erkennen. Die Jünger begreifen nicht, was das bedeuten soll: Jesus hat das eigentliche Passamahl gerade beendet, da bricht er noch einmal das Brot, und dann erhebt er den Kelch. Die Jünger kennen beide Gesten, die sie schon bei Dankgottesdiensten im Tempel miterlebt haben. Aber wofür um Himmels Willen kann Jesus danken, wo er doch gerade den verräterischen Judas entlarvt und vom Tisch geschickt hat?

Erst nach Ostern werden die Jünger verstehen, was für eine Dankfeier Jesus hier im Voraus mit ihnen gefeiert hat: Seine Errettung aus dem Tod. Nach Ostern erinnern sie sich auch an das, was Jesus ihnen beim letzten Abendmahl aufgetragen hat: „Feiert immer wieder mit Brot und Wein. Tut das zur Erinnerung an meinen Tod und an meine Auferstehung“ (vgl. 1. Korinther 11,23-25).

Jesus betet in Gethsemane

Ein schroffes Bild hat Christian Rohlfs auf dem Höhepunkt des ersten Weltkriegs geschaffen: „Gethsemane“ (1916). Jesus kauert auf der Erde, sein Rücken ist gebeugt, die Finger krampfhaft zusammengepresst. Das Gesicht ist ausgezehrt und sehr menschlich dargestellt, kein bisschen verklärt.

Hinter dem betenden Jesus steht ein Engel. Die großen, rundlichen Formen des Engels strahlen Ruhe aus. Und mit einer tröstenden Gebärde berührt er die Stirn des zu Tode Geängstigten. Fast könnte man meinen, der Engel macht das nur im Vorübergehen, so leicht liegt die Hand auf Jesu Haupt.

 

Viele haben dieses Bild schon einmal gesehen. Denn es ist im Gesangbuch genau neben dem Lied „Befiehl du deine Wege“ abgedruckt (EG 361). Aber welche Gefühle löst es in uns aus? Wollen wir schnell weiterblättern, weil dieser Holzschnitt ganz abstoßend auf uns wirkt? Oder erinnert es uns vielleicht an eine leidvolle Erfahrung aus unserer eigenen Lebensgeschichte?

 

Die Bibel lässt uns ganz tief hineinblicken in das Ringen, das sich in Gethsemane zwischen Jesus und dem himmlischen Vater abspielt. Hier fällt die letzte Entscheidung über den Leidensweg. Hier ist die Stelle, an der offenbar wird, dass Jesus mit seinem Glauben in die Feuerlinie der Anfechtung muss.

Jesus kniete nieder, betete und sprach:

„Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir;

doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.

(Lukas 22,42+43)

 

Aus der Finsternis in Gethsemane fällt ein tröstliches Licht in alle Situationen, in denen Menschen leiden. Der Schriftsteller Albert Camus hat einmal gesagt: „Jeder hat sein Gethsemane“. Und auch der Künstler Christian Rohlfs kannte solche Stunden, in denen das Herz verzagt ist und die Seele betrübt. Er litt unter Schwerhörigkeit und musste erleben, wie seine Kunst von den Nazis geächtet wurde.

 

„Jeder hat sein Gethsemane“. Doch wer sich im Bild des betenden Christus erkennt, darf auch die Hand des Engels spüren. Er sieht ihn nicht und wird trotzdem im Gebet gewiss: Meine Not ist nicht größer als mein Helfer. Der Engel Gottes macht die Nacht nicht zum Tag. Er wischt meine Angst nicht weg. Aber er hilft mir zu neuem Gottvertrauen:

Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst

und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst,

wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat

das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

(Paul Gerhard, EG 361,8)

Judaskuss

Der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: „Welchen ich küssen werde, der ist’s den ergreift.“ (Matthäus 26,48)

 

Darüber ist schon viel gerätselt worden: Warum hat Judas Jesus verraten? Als Jünger gehörte er zum engsten Freundeskreis. Er war dabei, als Jesus Kranke heilte und Gleichnisse erzählte. Er wusste, dass Jesus bei Streitgesprächen kein Blatt vor den Mund nahm und durchaus auch richtig durchgreifen konnte, als er die Tische der Geldwechsler im Tempel umstieß. Solche Aktionen blieben aber die Ausnahme, denn Jesus wollte keine gewaltsame Revolution anzetteln.

Vielleicht war es das, worüber Judas sich ärgerte: Jesus kündigte sein Leiden und Sterben an, anstatt endlich die Machtübernahme in Jerusalem einzuleiten. Mithilfe aller himmlischer Heerscharen müsste es doch möglich sein, den überkommenen Herrschaftsverhältnissen ein Ende zu machen, die Römer aus dem Land zu jagen und endlich das Gottesreich aufzurichten. Wenn Jesus erst auf dem Thron sitzen würde, könnten die Jünger Ministerposten übernehmen.

Vielleicht war das der Plan des Judas: Durch seinen Verrat wollte er Jesus herausfordern, endlich loszuschlagen. Der Begrüßungskuss war das Zeichen für die Tempelwache, die im Garten Gethsemane bei Dämmerlicht leicht den Falschen hätten ergreifen können. Der russische Maler Ilja Glasunow hat diesen Moment auf seinem Bild festgehalten (Judaskuss, 1986).

Am Ende musste Judas erkennen, dass sein Plan nicht aufgegangen war. Ohne Gegenwehr lässt sich Jesus fesseln und abführen. Denn Gottes Heilsplan kann nicht sich nicht mit Waffengewalt durchgesetzt werden. Stattdessen ist Jesus bereit, den Leidensweg auf sich zu nehmen und aus Liebe für uns Menschen am Kreuz sein Leben zu lassen.

Petrus verleugnet seinen Herrn

Warum sitzt auf dem Turm der Stephanuskirche ein Wetterhahn? Turmfalken oder Störche bauen ihre Nester hoch oben. Aber ein Hahn ist Chef im Hühnerhof unten am Boden.

Es liegt an Petrus, dass der Hahn auf die Kirchtürme hinaufgekommen ist. Sie erinnern uns daran: Bleibe wachsam, mach’s besser als Petrus und bekenne dich zu deinem Herrn.

In der Nacht, als Jesus gefangen genommen und abgeführt wurde, bewies Petrus zuerst Mut. Er schlich dem bewaffneten Trupp nach bis zum Palast des Hohenpriesters. Dort sollte Jesus noch in der Nacht der Prozess gemacht werden. Während Petrus noch auf eine Möglichkeit sann, wie er seinem Herrn beistehen könnte, geriet er in Gefahr entdeckt zu werden. Dreimal wurde er verdächtigt, ob er denn nicht auch zu Jesus gehöre. Dreimal stritt Petrus ab und verleugnete seinen Herrn. Gleich darauf krähte irgendwo im Morgengrauen ein Hahn.

Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Matthäus 26,75).

Jesus und der Hohenpriester

Über 60 Christusköpfe hat der deutsch-russische Künstler Alexej von Jawlensky im expressionistischen Stil geschaffen. Die Bilder werden auch „Heilandsgesichter“ genannt und haben z.T. noch Untertitel. Das hier abgebildete heißt „Schweigen“ (1918).

 

Als Jesus in den Palast des Hohenpriesters Kaiphas verschleppt wurde, hatten sich dort schon die Mitglieder des Hohen Rates eingefunden. In einer nächtlichen Sitzung sollte Jesus der Prozess gemacht werden. Die Stadträte von Jerusalem befürchteten nämlich, dass Jesus seine Popularität ausnützen und einen Volksaufstand anzetteln könnte. Es kam in den Jahren der römischen Besatzung immer wieder vor, dass jüdische Männer auftraten und von sich behaupteten, der Messias (= der Christus) zu sein. Sie traten als Befreier auf, richteten aber nur Chaos und Blutvergießen an. Sollte Jesus so ein Pseudo-Messias sein, musste der Hohe Rat unverzüglich einschreiten, um die öffentliche Ordnung zu erhalten.

Die Strategie der Anklage drohte allerdings zu scheitern. Denn obwohl eine Reihe von Zeugen aufgeboten wurde, konnte Jesus kein Vergehen nachgewiesen werden. Da der Angeklagte selbst zu allen Anschuldigungen zunächst schwieg, drohte das ganze Verfahren zu platzen.

Da entschloss sich der Hohepriester, den schweigsamen Angeklagten direkt herauszufordern. Er fragte Jesus: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ – Jesus aber sprach: „Ich bin’s.“ Mit seinem Bekenntnis brach Jesus das Schweigen und erklärte sich nach Ansicht des Hohen Rates selbst für schuldig.

 

Die Schilderung des Prozesses im Markusevangelium (vgl. Markus 14,53-65) ist hintergründig, denn ein Wort aus dem Munde des Hohenpriesters galt als Prophetie. Wenn der höchste Repräsentant des jüdischen Volkes Jesus mit dem Titel Christus (= Messias) belegt, dann entspricht seine Prophezeiung der Wahrheit, auch wenn er Jesus für einen falschen Messias hält.

Sehet, welch ein Mensch

Um 1850 wurde der französische Künstler Honoré Daumier beauftragt, eine Kirche mit einer Szene aus der Leidensgeschichte Jesu auszumalen. Daumier, der eigentlich eher als Karikaturist bekannt geworden ist, schuf den hier abgebildeten Entwurf mit dem Titel „Ecce Homo“ (Sehet, welch ein Mensch).

 

Jesus wurde vom Hohen Rat an den Statthalter Pontius Pilatus übergeben. Als höchster politischer Repräsentant musste er das Todesurteil gegen Jesus bestätigen. Die Evangelien berichten, dass sich der sonst für seine Grausamkeit berüchtigte römische Beamte, mit der Verurteilung Jesu ungewöhnlich schwertat. Pilatus hielt den Angeklagten für einen harmlosen Spinner. Deshalb suchte er Mittel und Wege, Jesus freizulassen und stattdessen den gefährlichen Terroristen Barabas hinrichten zu lassen. Sein Plan ging aber nicht auf. Denn als er Jesus mit einer Dornenkrone und in Spottkleidern vor das Volk führen ließ, schrien die Leute: „Kreuzige ihn!“

 

In seiner Skizze folgt Honoré Daumier einem Jahrhunderte alten Brauch, bei dem sich der Künstler selbst mit der Leidensgeschichte Jesu identifiziert. Zwischen dem Wächter und Jesus erkennt man die Initialen „H“ und „D“.

 

Der Liederdichter Paul Gerhardt hat das so ausgedrückt:

Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;

ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.

Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienen hat.

Gibt mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

Kreuzweg Station

Kreuzweg Stationen gibt es in katholischen Kirchen (z.B. in St. Franziskus in Weilheim) oder am Wegesrand. Der italienische Künstler Gualtiero Mascanzoni hat einen alten Kreuzweg in den Tessiner Bergen neu gestaltet. Die zwölfte Station bildet eines der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz ab: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lukas 23,46). Auf dem Bild ist die Hand des sterbenden Jesus zu sehen, die am Kreuz hängt, und die Sonne, die zur Sterbestunde Jesu ihren Schein verliert.

Merkwürdig an dieser modernen Darstellung ist die Edelstahlplatte, die den Stamm des Kreuzes teilweise verdeckt. Was hat sich der Künstler dabei gedacht, als er dieses völlig andere, glänzende Material auf sein Betonstein-Relief schraubte? Es wirkt wie aus einer anderen Welt. Soll das ein Stück von Gottes himmlischer Welt sein, weil Jesu Sühnetod am Kreuz Himmel und Erde neu verbindet? Oder ist es eine Sichtblende am Kreuz, weil wir das Leiden in unserer Welt nie vollständig verstehen und erklären können?

 

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe zu versenken,

die dich bewog, von aller Schuld des Bösen

uns zu erlösen.

(Christian Fürchtegott Gellert, EG 91,1)

Das Kruzifix auf dem Dachboden

Zu massiv erschien den Kirchengemeinderäten das barocke Kruzifix in der (alten) Stephanuskirche. Also hängte man das Kunstwerk ab und ersetzte es durch ein Kreuz aus Holz und Metall, das klein genug war, um es auf den Altar zu stellen. Das entsprach dem Zeitgeist am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur in Holzmaden, sondern landauf, landab in vielen Gemeinden. Der Glaube, so dachte man, kann gut ohne die sowieso nur schwer verständliche Rede vom Sühnetod Jesu am Kreuz auskommen. Christliche Gesinnung zeigt sich viel eher in Tugenden wie Treue, Tapferkeit oder sogar Vaterlandsliebe. Den großen leidenden Christus wollte man auf dem Dachboden der Kirche zwischenlagern, bis der Pfarrer einen Käufer für ihn gefunden hätte.

Der sträubte sich jedoch jahrelang gegen den Beschluss des Kirchengemeinderates bis die schreckliche Zeit des ersten Weltkrieges kam. In dieser Urkatastrophe Europas brach auch für die Theologen eine Welt zusammen. Weil auf den Schlachtfeldern in Frankreich massenweise gestorben wurde, rückte plötzlich das Leiden und Sterben Jesu wieder ganz neu in den Mittelpunkt der Predigten und der Seelsorge. Der Sohn Gottes „ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Stünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53,5).

Damals erinnerten sich die Holzmadener an das große Kruzifix, das ihre Väter einst in einer Werkstatt in Oberbayern gekauft hatten (um 1780). Sie holten es vom Dachboden runter. Eine Spende des alten Hauff, der damals Kirchengemeinderat war, ermöglichte nach dem Krieg die Restaurierung des Kunstwerks. Es fand einen neuen Platz in der Stephanuskirche. Zusammen mit den beiden Gefallenen-Tafeln, die heute in der Aussegnungshalle hängen, bildete es für gut drei Jahrzehnte das Kriegerdenkmal in Holzmaden. 

Grablegung

Es ist schon spät am Abend, als zwei Männer einen leblosen Körper an ein Grab tragen. Drei Frauen begleiten die Grablegung und beweinen ihren verstorbenen Herrn.

Der italienische Maler Caravaggio hat die Personen wie einen Fächer auf seinem großen Gemälde angeordnet. Die Ausdruckskraft des Bildes beruht auf dem starken Kontrast zwischen dem bleichen Leichnam Christi und dem Halbdunkel, in das die Frauen und Männer getaucht sind. Sie sind schlicht gekleidet wie Leute aus dem Volk, keine Heiligenscheine, kein Goldgrund. Und dennoch sind die biblischen Personen erkennbar: Nikodemus rechts und der Jünger Johannes links halten den toten Jesus. Seine Mutter Maria ist im Nonnengewand dargestellt. Daneben steht mit gebeugtem Haupt Maria Magdalena, die sich ganz ihrem tief empfundenen Schmerz hingibt. Den rechten Hintergrund nimmt die dritte Maria ein, die verzweifelt und als Ausdruck der Trauer ihre Arme in den Himmel streckt.

 

Caravaggio hat das Ölbild um 1600 für eine Kirche in Rom gemalt. Es zeigt die Figuren überlebensgroß und entfaltet dadurch eine monumentale Wirkung. Wer vor diesem Andachtsbild kniete und selbst um einen Verstorbenen trauerte, der sollte mitfühlen können. Die Nähe zu Jesus sollte erfahrbar werden, denn der verstorbene Gottessohn ist eben auch wahrer Mensch, der ganz dicht von den Seinen umgeben ist. Er ist einer von ihnen.

 

Das Bild verfolgt aber noch eine weitere Absicht. Es soll Trauernden Hoffnung schenken. Aber wie? Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir, dass die rechte Hand des vermeintlich Toten nicht schlaff herunterhängt, sondern dass er seine Finger zum Segensgruß gekrümmt hat und dabei die Grabplatte berührt. Seine eigene Grabplatte? Wieso sollte er sein Grab, dieses Mahnmal seines Martyriums segnen?

Genial veranschaulicht dieses Detail, dass die Grablegung Christi die Voraussetzung ist für das, was an Ostern kommen wird: Die Auferstehung und die Überwindung des Todes. Ohne Tod kein Erwachen, kein Ende des Leides, keine Überwindung der Sünde, kein ewiges Leben. Der Zipfel des Leichentuchs zeigt hinunter ins Grab. Am Ende der Bilddiagonale deuten die hochgeworfenen Arme der Maria auf die himmlische Sphäre. So vermittelt der Künstler den Trost der bevorstehenden Auferstehung bereits durch den Moment der Grablegung. – Caravaggio zählt nicht ohne Grund zu den ganz großen Malern der europäischen Kunstgeschichte.